Paul Rieth ist Filmemacher und freier Crowdfunding-Berater aus Berlin. 2015 hat er mit DOK & CROWD das erste Buch über Crowdfunding und Dokumentarfilme geschrieben. Im Gepräch mit crowdfunding.de berichtet er über die Vorteile von Crowdfunding gegenüber klassischer Filmfinanzierung, über gelungene Pitchvideos und die häufigsten Fehler von Projektstartern.

crowdfunding.de: Wie bist Du zu Crowdfunding gekommen und was begeistert Dich an der Finanzierungsform?

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Paul Rieth, Filmemacher und Crowdfunding-Berater

Paul Rieth: Im Jahr 2011 begann ich, mich im Zuge der Recherche für mein Buch “DOK & CROWD” intensiv mit der deutschen Filmindustrie zu beschäftigen. In dieser Zeit gab es mit Kickstarter und IndieGogo bereits die zwei großen Crowdfunding-Pioniere in den USA, in Deutschland gingen die ersten Plattformen an den Start und in der Kategorie “Film/Video” gab es bereits die ersten erfolgreichen Kampagnen. Sofort begeisterte mich der Ansatz und die Philosophie dieser innovativen Finanzierungs- und Kommunikationsform, denn es stellt einen entscheidenden Fortschritt, nicht nur für die Filmwirtschaft, dar: Projektinitiatoren müssen sich beim Crowdfunding bereits zu Projektstart mit Zielgruppe, Kommunikation & Marketing für ihr Projekt auseinandersetzen. Damit werden die sonst üblichen Abläufe und Verantwortlichkeiten teilweise erheblich auf den Kopf gestellt. Und das ist gut so!

Welche hat Vorteile Crowdfunding gegenüber der klassischen Filmfinanzierung?

Zunächst ist es wichtig, dass das Modell der Filmfinanzierung in Deutschland genau diametral zum Crowdfunding funktioniert. Das bedeutet konkret: Produzenten erhalten von den regional und deutschlandweit agierenden Filmförderungen sogenannte “bedingt rückzahlbare Darlehen” um ihre Filme zu realisieren. 2015 hatte der Bereich “Förderung” laut Zahlen der Filmförderungsanstalt (FFA) einen Umfang von über 200 Mio Euro, die durch Entscheidungen verschiedener Fördergremien an die entsprechenden Produzenten gezahlt werden. Im Crowdfunding funktioniert es genau andersherum: Hier entscheidet nämlich die Crowd, also potenzielle Zuschauer, Unterstützer und Fans, welche Projekte finanziert und dementsprechend realisiert werden sollen und erhalten dafür exklusive Gegenleistungen. Neben der Crowd als Entscheidungsträger ändert das außerdem den Ablauf, da schon im Finanzierungsprozess erhebliches Marketing & Kommunikation geschieht und durch den Verkauf von Tickets und DVD’s auch der Prozess der Distribution teilweise vorweggenommen wird. Dieser Wandel bietet ein erhebliches Potenzial für alle Beteiligten, auch wenn das (noch) nicht alle Beteiligten der etablierten Strukturen innerhalb der Filmwirtschaft so sehen.

Wie etabliert ist Crowdinvesting für Filme mittlerweile?

Filmprojekte erfreuen sich im reward-based Crowdfunding größter Beliebtheit: Auf Kickstarter gab es beispielsweise bislang über 22.000 erfolgreich finanzierte Film-Kampagnen und damit ist die Kategorie die zweitstärkste gleich nach Musik-Projekten. Auch in Deutschland gab es auf Startnext und VisionBakery bereits überaus erfolgreiche Filmprojekte, wie bspw. der Dokumentarfilm „Franz Jacobi“ (217.892 Euro) oder die Trilogie „Geschichten hinter verschlossenen Mauern“ (über 55.000 Euro). Auch auf Startnext und VisionBakery erfreuen sich Filmprojekte größter Beliebtheit. Beim Crowdinvesting sieht das leider ganz anders aus: Ursprünglich gab es mit Filmkraut und Cinedime zwei Crowdinvesting-Plattformen ausschließlich für Filmprojekte auf dem deutschen Markt. Filmkraut verabschiedete sich bereits 2015 vom Markt und Cinedime kann bisher zwei erfolgreiche Projekte mit einem Gesamtvolumen von von bisher lediglich ca. 75.000 Euro vorweisen. Das liegt meiner Meinung nach an der fehlenden Erfahrung der deutschen Produzenten mit privaten Investoren und dringend benötigten innovativen Erlösmodellen inklusive der digitalen Distribution.

Wie siehst Du die Vereinbarkeit von Crowdfunding und öffentlicher Filmförderung?

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DOK & CROWD – Dokumentarfilme finanzieren und verwerten. von Paul Rieth

In der Kombination von Crowdfunding und öffentlicher Filmförderung sehe ich ein riesiges Potenzial. Zum einen sind die Förderanstalten finanziell gut ausgestattet und von immenser Wichtigkeit. Wenn es nun gelingen würde, die öffentliche Förderung mit gewissen crowd-basierten Aspekten zusammenzubringen, dann wäre das in meinen Augen eine Win-Win-Situation für alle: Zuschauer, Produzenten & Förderer. Mögliche Optionen sehe ich beispielsweise darin, dass es eine sogenannte Matching-Option gäbe: Wenn du eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne gemacht hast, dein Projekt den formalen Kriterien entspricht, dann spiegelt die Filmförderung die erreichte Fundingsumme in einem Verhältnis, bspw. 1:2, 30.000 Euro durch Crowdfunding und 60.000 Euro durch die Filmförderung. Damit könnten Produzenten den Förderern belegen, dass es einen Markt für das entsprechende Vorhaben gibt. Die Crowd wiederum unterstützt einerseits finanziell innerhalb der Kampagne und erhöht auf der anderen Seite die Förderwahrscheinlichkeit bei der Filmförderung. In Deutschland gab es solche Aktivitäten bisher lediglich im Nachwuchsbereich, als die Mitteldeutsche Filmförderung (MDM) Projekte im Rahmen des KONTAKT Förderpreises zusätzliche Förderung in Höhe von von 2.000€ durch die Crowd vergeben ließen. In Polen sind sie da ein mächtiges Stück weiter: der Schlesische Film Fund gibt dort jedem Filmprojekt, welches 20% des Budgets als Eigenanteil, 50% via Crowdfunding einbringt, eine automatische Bewilligung der restlichen 30%. Das nenn ich doch mal ein innovatives Finanzierungsmodell!

Du betreibst mit einem Partner die Crowdfunding-Beratung GETYOURCROWD. Was sind nach Deiner Erfahrung die häufigsten Fehler von Leuten, die ein Projekt starten?

Oft erreichen uns Anfragen, wo weder die Idee ausgereift ist, noch die zeitlichen und personellen Ressourcen für eine erfolgreiche Crowdfunding gegeben sind. Da sind wir dann sehr direkt und geben erst einmal einige Hinweise für Dinge, um die sich die Projektstarter zunächst kümmern sollen. Wenn die Basics dann geregelt sind, dann gibt es viele weitere Herausforderungen: So zum Beispiel die korrekte Kalkulation inkl. Budgetierung der Gegenleistungen für Verpackung, Porto in verschiedene Länder sowie die korrekte Abrechnung der MwSt. Außerdem wird der Aufwand im Bereich Marketing, Presse und Kommunikation häufig vollkommen unterschätzt. Hier bedarf es neben der guten Planung auch eines guten Team, welches die vielen Aufgaben umsetzt.

Als Crowdfunding-Berater und Filmemacher hast Du besondere Expertise beim Pitchvideo. Worauf sollte man bei einem Crowdfunding-Video achten?

In der Regel nimmt das Pitch-Video den prominentesten Platz im oberen Teil der Kampagnen-Seite sein. Damit ist es ein erstes visuelles Statement, welches man setzt, allein schon durch das erste Standbild. Sobald der bzw. die Interessierte dann das Video startet, muss es innerhalb von maximal 3 Minuten gelingen, die Vision zu erzählen, das Projekt bzw. Produkt vorzustellen und mich davon zu überzeugen, dass das Team in der Lage ist, wie versprochen abzuliefern. Sowohl in meinen Workshops als auch in der Produktion solcher Videos folge ich immer der Prämisse: kurz – persönlich – überzeugend. Im Zuge der Planung & Vorproduktion arbeite ich in der Regel mit einer Kombination aus Storyboard und Skript zur Darstellung von Perspektive, Blickwinkel und Einstellungsgröße. Außerdem werden dadurch Kosten- und Zeitaufwand greifbar und für den Kunden transparent.

Du bist jetzt seit 2011 in der Crowdfunding-Branche aktiv. Welche Entwicklungen beobachtest Du aktuell und was könnte dazu beitragen, das Thema noch weiter in der Öffentlichkeit zu etablieren?

Ich glaube Crowdfunding hat in Deutschland immer noch ein Reputationsproblem. Das merke ich in vielen Gesprächen, in denen ich zu hören bekomme, dass Aufwand und Nutzen in keinem Verhältnis stünden. Das hat vornehmlich damit zu tun, dass Crowdfunding oftmals lediglich auf das Finanzielle reduziert wird und Aspekte wie Markettest, Zielgruppenanalyse, Marketing, Werbung, PR und Kundenbindung unterschätzt werden. Hier leisten wir gerade noch viel Pionierarbeit, sei es in Vorträgen, Workshops, auf Konferenzen oder Gesprächen. Grundsätzlich passiert hier aber schon eine ganze Menge, denn alle Beteiligten der Crowdfunding-Branche entwickeln diesen Markt kontinuierlich weiter,

Vielen Dank für das Interview!

 

Zur Person Paul Rieth

Paul Rieth arbeitet als selbstständiger Crowdfunding & Marketing Berater und Filmemacher in Berlin. Er berät Unternehmen und Einzelpersonen in der Planung & Strategie von Crowdfunding-Kampagnen. Außerdem produziert er verschiedenen filmischen Formate wie Pitching-Videos, Imagefilme & Dokumentationen. Er hält regelmäßig Vorträge, leitet Panels und gibt Workshops u.a. IHK (Berlin), Filmuniversität (Potsdam), Bauhaus-Universität (Weimar) Hochschule für bildende Künste (Dresden), iREP Film Festival, Lagos (Nigeria)

Webseite: www.paulrieth.de
Twitter: www.twitter.com/paulrieth