Tamo Zwinge, der Gründer der Startup-Crowdinvesting-Plattform Companisto, spricht im Interview mit crowdfunding.de über aktuelle Entwicklungen, die Rolle der Plattform bei Pleiten und er gibt einen Ausblick auf 2017.

Im letzten Jahr hat Companisto einige Weiterentwicklungen auf den Markt gebracht, wie eine neue Lifetime-Beteiligung für Investoren, Crowd-Voting und eine Kooperation mit PwC. Wie wurden die Neuerungen von den Investoren und Startups aufgenommen?

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Tamo Zwinge, Geschäftsführer Companisto

Tamo Zwinge: Sehr positiv. Als Marktführer ist es uns wichtig, hohe Standards zu setzen, die auch in die Branche ausstrahlen. Der Gedanke bei der Life-Time-Beteiligung war, die Beteiligungen wirtschaftlich nahezu vollständig an Eigenkapitalbeteiligungen anzunähern. Life-Time heißt tatsächlich eine lebenslange Beteiligung am Unternehmen, wenn die Investoren dies wünschen. Das Renditepotential steigt durch diese Weiterentwicklung ganz erheblich an, denn die größte Chance auf einen hohen Gewinn bietet ein Startup-Exit. Die zweitbeste Chance auf hohe Zahlungen sind Gewinnbeteiligungen. Diese fallen naturgemäß eher in späteren Jahren an. Dies möchten wir abbilden.

Auch für Startups bietet die Lifetime-Beteiligung deutliche Mehrwerte, denn sie ermöglicht ihnen einen leichteren Zugang zu Anschlussfinanzierungen. Dies ist hilfreich für eine positive Unternehmensentwicklung, da die Startups so noch besser mit frischem Wachstumskapital ausgestattet werden können. Damit wird auch ein Exit wahrscheinlicher. Bei Companisto gab es bisher bereits drei Exits für die Startups 5 Cups and Some Sugar, Foodist und Doxter. Die Kooperation von PwC geht in die exakt gleiche Stoßrichtung: Sie ermöglicht Startups, nach der Finanzierungsrunde bei uns von der profunden Expertise einer der größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften zu profitieren. Die Kooperation ist übrigens Teil des Companisto-Family-Programms. Hierzu gehört zum Beispiel auch Amazon als ein Partner, der den Companisto-Startups ein kostenloses, umfangreiches Leistungspaket anbietet.

Companisto ist die volumenstärkste Startup-Crowdinvesting-Plattform in Deutschland. Der deutsche Markt für Startup-Crowdinvesting ist aber seit zwei Jahren konstant ohne Wachstum. Woran liegt das? Wie siehst Du die zukünftige Marktentwicklung und was könnte zur Belebung beitragen?

Das kann ich für Companisto so nicht bestätigen. Schaut man sich das um Weissenhaus (Immobilie) bereinigte Investitionsvolumen in Startups auf Companisto an, so kann man sehen, dass wir jedes Jahr erhebliche Wachstumsraten im Startup-Bereich hatten. Das war auch 2016 wieder so.

Auch was die Anzahl der Finanzierungsrunden betrifft haben wir einen klaren Zuwachs: 2015 hatten wir 15 Finanzierungsrunden; in 2016 waren es 19. Dennoch hat sich das Wachstum etwas verlangsamt, wie auch in der europaweiten Marktstudie der Universtität Cambridge und der Wirtschaftsprüfergesellschaft KPMG festgestellt wurde. Ein Grund dafür ist die Unsicherheit, die durch die Neufassung des Kleinanlegerschutzgesetzes entstanden ist. Hier eine praxisnahe Lösung zu finden, das wird einer der großen Agendapunkte in 2017 sein; das Gesetz kommt nun noch einmal auf den Prüfstand.

Stichwort Kleinanlegerschutzgesetz: Wie beurteilst Du das Gesetz und wo sollte es Deiner Meinung nach verbessert werden?

Dass auch Crowdfunding explizit genannt wurde, das war ein wichtiges Signal an die gesamte Crowdfunding-Branche und die breite Öffentlichkeit: Crowdfunding ist eine wichtige Möglichkeit der Startup-Finanzierung und eine Chance für private Anleger, ihr Portfolio zu diversifizieren. Ich selbst habe übrigens als Sachverständiger vor dem Finanzausschuss des Deutschen Bundestages zum Kleinanlegerschutzgesetz Stellung bezogen und aus der Perspektive der Branche berichtet und Empfehlungen gegeben.

Nach einem Jahr praktischer Erfahrung ist es Zeit, ein Resumé zu ziehen. Unter dem Strich lässt sich sagen: Das Kleinanlegerschutzgesetz hat für mehr Transparenz gesorgt. Damit hat es auch den Verbraucherschutz gestärkt, was allen Branchen-Beteiligten sehr wichtig ist. Im Detail gibt es noch praktische Schwächen, die eine Weiterentwicklung der Crowdfunding-Branche erschweren.

Nur einige Beispiele, die die praktische Umsetzung aus Sicht der Investoren und der Plattformen betreffen. Die Begrenzung des Anwendungsbereichs der Prospektbefreiung auf (partiarische) Nachrangdarlehen und „sonstige Anlagen“ erschwert eine interessensgerechte Fortentwicklung der Beteiligungsverträge. Ein Vorschlag ist auch, die Grenze der Prospektpflicht für Schwarmfinanzierungen von 2,5 Millionen Euro auf 5 Millionen Euro heraufzusetzen. Weitere Punkte betreffen die Vereinfachung des Bestätigungsvorgangs des Vermögensanlageinformationsblatt (VIB), das Investoren auf elektronischem Weg einreichen müssen, oder Vorgaben bei der Kommunikation in Social Media.

Crowdinvesting in Deutschland läuft aktuell fast ausschließlich über nachrangige Darlehen. Würdet Ihr den Companisten gerne echte Eigenkapitalbeteiligungen ermöglichen?

Nein, das kann man so nicht sagen. Wir haben mit der Lifetime-Beteiligung ein Beteiligungsmodell entwickelt, das für die Investoren faktisch sogar noch besser ist als Eigenkapital. Ich habe das auch in einem Fachbeitrag auf unserer Investoren-Akademie (Anm. der Red.: zum Beitrag) aufgeschlüsselt. In aller Kürze: Der einzige Vorteil, den Eigenkapital gegenüber partiarischen Nachrangdarlehen hat, ist der des Mitbestimmungsrechtes. Dies wäre aber bei einer großen Anzahl von Investoren so gering, dass es kaum Bedeutung für den Einzelnen hätte. Dem gegenüber stehen die Vorteile der Erlöspräferenz im Exit-Fall, das vorrangige Gewinnbezugsrecht und der Rückgabemöglichkeit nach der Mindestlaufzeit des Darlehens. Trotzdem hätten wir es begrüßt, wenn wir bei der Form des Investment-Vehikels mehr Spielraum hätten.

Inwieweit seht Ihr Euch in der Verantwortung für die Investments, die über Eure Plattform getätigt wurden? Welche Rolle nehmt Ihr ein, wenn ein Startup nicht wie im Pitch versprochen „abliefert“ und die Investorenrechte zu kurz kommen? 

Grundsätzlich ist es wichtig, sich die Rolle von Companisto zu verdeutlichen: Wir sind ein Vermittler. Wir geben Startups die Möglichkeit, sich Investoren präsentieren zu können. Die Informationen, die in dem Profil erscheinen, sind aber Informationen der Unternehmen. Ähnlich wie auch die Deutsche Börse können wir nicht die Verantwortung übernehmen, wie sich das Startup wirtschaftlich entwickelt. Denn wir führen die Startups nicht, dies machen die Gründer.

Die Investorenrechte sind bei Companisto aber vertraglich im Detail genau festgelegt. Unsere Investoren erhalten unter anderem zu festgelegten Terminen eine Aufstellung zum Umsatz, Rohertrag und EBIT des Startups für das jeweils letzte abgelaufene Quartal sowie Ausführungen zur Liquiditätssituation des Startups und Ausführungen zu aktuellen Entwicklungen. Teil ist auch eine Übersicht über die strategische Ausrichtung sowie die Produktentwicklung. Und Teil des Informationsanspruchs ist natürlich auch der Jahresabschluss des Startups. Diese Vertragsrechte haben wir in Einzelfällen auch mit rechtlichen Mitteln durchgesetzt, um unsere Investoren zu schützen. Jede Partei muss sich an die vertraglich festgelegten Spielregeln halten. Dies ist für die langfristige, gute Zusammenarbeit einfach essentiell.

Kürzlich hat die Pleite von Returbo Schlagzeilen gemacht. Das Startup hatte via Companisto über eine Million Euro Crowdinvestments eingesammelt. Welche Sicherungsmechanismen habt Ihr, damit der Crowd keine nicht ausreichend belastbaren Investmentcases präsentiert werden? 

Der stärkste Sicherheitsmechanismus ist die Crowd. Denn sie hinterfragt die Zahlen der Startups – und das ist einem öffentlichen Forum. Hierbei gibt es häufig auch Investoren, die selbst aus der Branche kommen und Fachwissen haben – und auch investieren. In Returbo hatten übrigens gemeinsam mit den Companisten Business Angels wie Martin Sinner, die German Startups Group, die Investitionsbank Berlin (IBB) und der Harbert Venture Loan Fonds investiert. Diese Transparenz gibt es bei keiner anderen Anlageform. Unsere Rolle ist einerseits die eines Vermittlers, anderseits ist unser Anspruch, nur ausgewählte Investmentchancen zu präsentieren. Um euch einmal Zahlen zu geben: In den letzten Jahren hatten wir über 3.000 Bewerbungen erhalten, 71 Finanzierungsrunden haben wir letzlich gemeinsam mit der Crowd durchgeführt. Wir lassen also nur Startups auf die Plattform, von denen wir glauben, dass sie es letzlich auch schaffen können, ihr Geschäftsmodell zu skalieren. Dennoch bleibt es natürlich ein Wagniskapitalinvestment, was wir aber sehr klar formulieren.

Wenn Startups einen Exit hinlegen, wird oft Stillschweigen über den genauen Verkaufspreis vereinbart. So können die erzielten Renditen nicht öffentlich gemacht werden. Seht Ihr da Abhilfemöglichkeiten, um eine ganzheitliche Performance-Bewertung der Anlageklasse zu ermöglichen?

Wird ein Startup verkauft, dann entscheiden beide Partner über die Modalitäten; dies betrifft auch die Kommunikation. Als vermittelnde Plattform können wir in diesen Prozess nicht eingreifen, wünschen uns aber natürlich, dass die Erfolge auch über den Kreis der Investoren hinaus kommuniziert werden können. Einige Startups entscheiden sich auch dazu: 2015 kam es zum ersten Exit bei Companisto – damals haben die Investoren eine Rendite von 45 Prozent erzielt. Deshalb sind auch Medien wie crowdfunding.de wichtig: Ihr habt ja selbst eine sehr aufschlussreiche Statistik vorgelegt (Anm. d. Red.: zum Erfolgsmonitor), die deutlich macht, dass der deutliche Großteil des investierten Crowdkapitals noch aktiv ist.

Immobilien sind aktuell das Wachstumssegment im deutschen Crowdinvesting-Markt. Wollt Ihr diesen Markt zukünftig adressieren?

Wir haben diesen Markt bereits erfolgreich adressiert: Wir haben 2015 mit einer Immobilienfinanzierung (Weissenhaus) 7,5 Millionen Euro an Crowdkapital eingesammelt und damals auch gemeinsam mit den Companisten einen europäischen Rekord erzielt. Auch heute ist Weissenhaus noch die größte Immobilien-Crowdfinanzierung in Europa. Wir wollen uns aktuell aber klar auf Startups- und Wachstumsunternehmen konzentrieren, weil hier viel Spannendes passiert. Letzlich ist dies auch etwas, was uns persönlich wichtig ist: Wir möchten Menschen mit guten und innovativen Geschäftsideen ermöglichen, gemeinsam mit vielen Investoren zu wachsen. Denn nur so entstehen künftig auch neue Arbeitsplätze. Unsere finanzierten Unternehmen haben knapp 900 Arbeitsplätze geschaffen.

Kürzlich hat Seedrs, eine Startup-Crowdinvesting-Plattform aus UK, eine Dependance in Berlin eröffnet. Wie wird sich das Eurer Meinung nach auf den deutschen Markt auswirken und wie sehen Eure Internationalisierungspläne aus?

Companisto ist bereits international. Unsere Seite ist komplett zweisprachig und unsere Investoren kommen aus über 70 Ländern. Da wir auch in Österreich mit mehreren Finanzierungsrunden aktiv gewesen sind, haben wir gezeigt, dass auch Startups jenseits von Deutschland bei der Crowd ankommen, wenn die Geschäftsidee gut ist. Grundsätzlich sind wir marktwirtschaftlich orientiert und sind es gewohnt, in einem wettbewerbsgeprägten Umfeld zu agieren. Wir freuen uns darauf, zeigen zu können, wie wir gemeinsam mit unseren Investoren Crowdinvesting à la Companisto weiterentwickeln. Meiner Meinung nach sind wir dafür gut aufgestellt.

Was können wir 2017 von Companisto erwarten?

Bereits 2015 waren wir dank unserer Companisten laut einer Statistik des BVK der aktivste private Wagniskapitalgeber in Deutschland. Diese Krone möchten wir weiter verteidigen. Deshalb können Companisten eine konstante Weiterentwicklung bei uns erwarten, um Crowdinvesting als eine attraktive Beteiligungsform für private Anleger weiter zu etablieren. Wir haben noch viel vor – gemeinsam mit der Crowd.

Vielen Dank für das Interview!

 

Mehr Informationen zur Person
Tamo Zwinge ist Geschäftsführer von Companisto. Die Crowdinvesting-Plattform hat er 2012 gemeinsam mit David Rhotert in Berlin gegründet. Zuvor war er mehrere Jahre Rechtsanwalt in der internationalen Großkanzlei CMS Hasche Sigle im Bereich Gesellschaftsrecht, Unternehmenstransaktionen und Private Clients. Tamo hat an der Freien Universität Berlin Rechtswissenschaften studiert und absolvierte sein Referendariat in Berlin und Pretoria, Südafrika.

www.companisto.de