Anfang Februar musste das Startup Protonet Insolvenz anmelden. Das Hamburger Unternehmen für Home-Server hatte 2012 und 2014 in öffentlichkeitswirksamen Kampagnen insgesamt 3,2 Mio. Euro Investments von der Crowd eingeworben. Weitere Startups, die ebenfalls hohe Crowdinvesting-Summen einsammeln konnten, mussten in den letzten Monaten Insolvenz anmelden, wie zum Beispiel Returbo (1,2 Mio. Euro), Triprebel (0,7 Mio. Euro) oder Freygeist (1,5 Mio. Euro).

Den jüngsten Pleiten und einem deutschen Startup-Crowdinvesting Markt ohne Wachstum folgten diverse kritische Medienberichte. So titelte die Süddeutsche Zeitung „Das Crowd Kasino“, das Branchenmedium Gründerszene kommentierte „Aus der Traum“ und das Portal Für-Gründer schrieb „Warum der Markt für Startups gescheitert ist“.

Ist der deutsche Startup-Crowdinvesting Markt tatsächlich am Ende?

Zahlen zum Markt

Marktentwicklung
Der deutsche Markt für Startup-Crowdinvesting verzeichnet 2016 einen Volumenrückgang von -3,6% auf 16,7 Mio. Euro (Quelle: www.crowdinvest.de/datenbank). Betrachtet man das Referenzumfeld, zeigt sich bei den Venture-Finanzierungen in Deutschland 2016 ein Rückgang von -47% (Quelle: KPMG Venture Pulse Q4/16, S. 87).

Startup-Crowdinvesting Volumen

Performance
Seit 2011 hat die Crowd insgesamt 70,6 Mio. Euro in deutsche Startups investiert. Von dem investierten Crowdinvesting-Volumen ist aktuell 72,5% aktiv, 22,3% ausgefallen oder unklar und 5,2% als Erfolg zu verbuchen. (Quelle: www.crowdinvest.de/monitor, Stand 28.02.17).

Den kritischen 15,7 Mio. Euro steht aktuell eine geschätzte, potentiell erzielte Gesamtrendite von rund 3,5 Mio. Euro entgegen (z.T. auf Annahmen berechnet, siehe Crowdinvest Erfolgsmonitor 09/16 S.18 plus Doxter Exit 11/16). Belastbare Zahlen dazu, wie die Gewinn- und Verlustbilanz für Startup-Investments insgesamt aussieht, also Finanzierungen durch VC’s, Business Angels, Banken und eigene Mittel der Gründer, ließen sich leider nicht finden.

Status Startup-Crowdinvesting

Interpretation der Zahlen

Die Ausfälle der letzten 6 Jahre überwiegen die bislang erzielte Rendite deutlich. Startup-Crowdinvesting konnte sich bis heute nicht als finanziell lohnende Anlageklasse beweisen.  Bei der Beurteilung der aktuellen Situation gehen die Meinungen auseinander. Ob das Glas halbvoll oder halbleer ist, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Optimistisch: Das Glas ist halbvoll
Ein Ausfall von weniger als 25% ist ein erfreulich niedriger Wert. Professionelle Startup-Investoren rechnen mit deutlich höheren Ausfallquoten. Hinzu kommt, dass bei Startups die Ausfälle früher sichtbar werden als die Erfolge. Die erfolgreichen Startups werden später sichtbar und können dann die bislang angefallenen Verluste ausgleichen und langfristig für eine positive Gewinnbilanz sorgen.
Pessimistisch: Das Glas ist halbleer
In dem 72,5 % aktiven Investmentvolumen befinden sich Startups, die nur noch auf dem Papier existieren und kein aktives Geschäft mehr betreiben. Die bislang erzielten Crowdinvesting-Renditen sind viel zu niedrig, um die angefallenen Verluste zu kompensieren. Professionelle Startups-Investoren erwarten in dieser Risikoklasse deutlich höhere Renditen.

Aktuelle Realität von Startup-Crowdinvesting in Deutschland

Neben den Markt- und Performancezahlen, haben sich in den letzten Jahren einige Schwachstellen beim Startup-Crowdinvesting in Deutschland gezeigt.

Nachteil Nachrangdarlehen
Die Beteiligung der Crowdinvestoren über partiarische Nachrangdarlehen ist kein gleichwertiger Ersatz für echte Eigenkapitalbeteiligungen.

Schwache Position der Crowdinvestoren
Bei Umstrukturierungen oder Neuausrichtungen von Startups bleibt der Crowd meist nicht viel mehr übrig, als die Veränderungen hinzunehmen. Wenn die Crowd um Zustimmung gebeten wird, werden die angebotenen Wahlalternativen oftmals als unfair empfunden (Motto: „Bitte akzeptieren, sonst gehen wir Pleite“).

Hohe Bewertungen schmälern Renditeaussichten
Eine hohe Startup-Bewertung reduziert die Investmentquote und damit die später zu erzielende Rendite. Crowdinvestoren haben keine Möglichkeit diese Bewertungen im Vorfeld zu verhandeln.

Enttäuschende Startups
Es gab mehrere crowdfinanzierte Startups, die nicht das abgeliefert haben, was sie im Vorfeld versprochen haben. Teilweise wurde bei der Marktreife des Produktes, Absatzpotentialen und den eigenen Qualifikationen deutlich übertrieben. Startups, die ihre Reporting-Pflichten vernachlässigen, werden ihrer Verantwortung nicht gerecht, verhalten sich respektlos gegenüber der Crowd und schaden der gesamten Branche.

Enttäuschte Crowdinvestoren
Mangelnde Kommunikation und überzogene Versprechungen von Startups führen zu berechtigter Frustration und einem Vertrauensverlust bei den Crowdinvestoren. Eine allgemeine Enttäuschung über hohe Ausfallraten, lässt sich aber nur mit einer falschen Erwartungshaltung der Crowdinvestoren erklären. Startup-Investments sind grundsätzlich Risikoinvestments, bei denen mit einer Vielzahl an Ausfällen zu rechnen ist.

Learning: Qualität statt Quantität
Die Qualität einer Plattform liegt in der Fähigkeit qualifizierte Anleger mit aussichtsreichen und belastbaren Investmentchancen zusammenzubringen und nicht in der Fähigkeit Größen- und Geschwindigkeitsrekorde bei den Finanzierungsrunden aufzustellen.

Das Glas ist transparent
Crowdfunding steht für Transparenz und Öffentlichkeit. Wenn das Pendel medialer Aufmerksamkeit jetzt in negative Berichterstattung umschlägt, liegt das genau an dieser Transparenz und Öffentlichkeitswirksamkeit. Die erfolgreiche „Rekord-Crowdfinanzierung“ von Protonet in 2014 hat im gleichen Maß für Schlagzeilen gesorgt wie die aktuelle „Rekord-Pleite“ in 2017.

 

Weshalb Startup-Crowdinvesting seine Berechtigung hat

Trotz einer durchwachsenen Zwischenbilanz und deutlich gewordenen Schwächen: Startup-Crowdinvesting bietet einzigartige Möglichkeiten.

Deutschland braucht Innovationen
Dass Deutschland zwingend auf seine Innovationskraft angewiesen ist, um in einer zunehmend digitalen und sich verändernden Welt nicht den Anschluss zu verlieren, scheint mittlerweile gesamtgesellschaftlicher Konsens. Für innovative Unternehmer ist die Finanzierung ihrer Ideen immer noch eine große Herausforderung.

Das Kapital ist da
Auf deutschen Sparbüchern liegen Milliardenbeträge. Crowdinvesting bietet eine einzigartige Möglichkeit das Kapital der privaten Haushalte direkt mit realwirtschaftlichen, unternehmerischen Initiativen zu verbinden. In der intelligenten Verknüpfung der vorhandenen Innovations- und Kapitalressourcen liegt enormes Potential für gesellschaftliche Mehrwerte.

Pionierarbeit
Startup-Crowdinvesting in Deutschland ist mit 6 Jahren jung und mit einem Gesamtvolumen von 71 Mio. € klein. Alle direkt Beteiligten – Plattformen, Startups und Crowdinvestoren – leisten Pionierarbeit indem sie Geld, Energie und Zeit in einen/m nicht erprobten Markt investieren. Dazu gehört die Inkaufnahme von Risiken und die Bereitschaft, die gemachten Erfahrungen zur Weiterentwicklung zu nutzen.

Weiterentwicklung der Branche
Die Plattformen entwickeln sich weiter und bieten mittlerweile Nachrangdarlehen mit Lifetime-Beteiligungen, feste Reporting-Pflichten, SPV-Beteiligungsmodelle, wissenschaftliche Beiräte oder die Möglichkeit an der Seite professioneller Co-Investoren zu investieren. Neue Anbieter, die Crowdfunding und Blockchain-Technologie kombinieren, werden zusätzliche Impulse in den Markt bringen.

Blick auf die Erfolge
Auch wenn die erfolgreichen Crowdinvestments die Pleiten bislang nicht kompensieren können, sollte man diese nicht aus dem Blick verlieren. Bei mehreren deutsche Startups hat sich das Crowdinvesting für Unternehmer und Crowdinvestoren als Erfolg bewiesen. Auch ein Blick ins Ausland zeigt, dass das Prinzip Startup-Crowdinvesting funktioneren kann. So heißt in einem aktuellen Forbes-Artikel mit Blick auf UK „How Crowdfunding Took On Private Equity And Won“.

Mehr als Rendite
Crowdinvesting ermöglicht es jedem Einzelnen, Startups über den gesamten Lebenszyklus direkt mitzuverfolgen. Menschen, die über eine eigene Gründung nachdenken, bietet der Schulterblick die Chance zum Lernen und zum Realitätsabgleich. Beruflich etablierte Menschen können sich durch digitale Geschäftsmodelle und neue Märkten inspirieren lassen, ihr Wissen weiterentwickeln und den Horizont erweitern.

Kultureller und demographischer Wandel
Die Digitalisierung erleichtert es Privatanlegern, eigenverantwortliche Investitionsentscheidungen zu treffen. Diese Entwicklung und eine nachwachsende „Digital-Native-Generation“ begünstigt Startup-Crowdinvesting. Dennoch ist der Markt ist in seinem Wachstum begrenzt. Direkte Startup-Investments sind nur für risikoaffine Anleger geeignet und die Anzahl aussichtsreicher Startups ist nicht unendlich.

 

Startup-Crowdinvesting steht noch am Anfang

Die bisherige Entwicklung rechtfertigt weder einen Abgesang auf Startup-Crowdinvesting noch eine beschönigende „Alles-Gut-Weiter-So-Kommunikation“. Fest steht, dass der Markt die Erfahrungen der letzten 6 Jahre nutzen muss, um sich im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten qualitativ weiterzuentwickeln.

Das Prinzip, dass Einzelpersonen direkt online in unternehmerische Initiativen investieren, wird sich durchsetzen. Startup-Crowdinvesting hat das Potential, sich zu einem für alle Seiten lohnenden und damit funktionierenden Markt zu entwickeln. Von daher ist der Markt nicht am Ende, sondern – ganz im Gegenteil – noch am Anfang.