Der deutsche Crowdinvesting-Markt wächst seit 2011. Was sind das für Menschen, die in Crowdinvestment-Projekte investieren? Was treibt sie an und was ist Ihnen wichtig? Wir haben mit einem Crowdinvestor gesprochen.

Gerhardt ist 54 Jahre alt, verheiratet und lebt in Bayern. Der Handelsfachwirt hat mittlerweile in mehr als 80 Crowdinvesting-Projekte investiert. Im Gespräch mit crowdfunding.de berichtet er über seine Erfahrungen.

crowdfunding.de: Wie bist Du dazu gekommen in Crowdfunding-Projekte zu investieren?

Gerhardt: Ich war schon immer ein aktiver Anleger mit offenem Interesse für Neues. Als das Zinsniveau für mein Tages- und Termingeld unter 1% rutschte, entschied ich mich – zuerst etwas zaghaft – für die Crowd.

In wieviele Projekte auf welchen Plattformen hast Du schon investiert?

Begonnen hat alles mit auxmoney, dann folgten die ersten Startups auf Seedmatch und Companisto. Meine nächste Entdeckung waren Immobilien auf Zinsland und Exporo, gefolgt von Mittelstandsprojekten auf Kapilendo und KATRIM. Insgesamt habe ich in den letzten 2 Jahren in mehr als 80 Projekte auf 13 Plattformen investiert.

Und wie ist die Bilanz? Gibt es schon Renditezahlungen oder Ausfälle im Portfolio?

Es ist zu früh um Bilanz zu ziehen. Natürlich gibt es schon Zinszahlungen, aber noch kein Projekt ist regulär ausgelaufen. Nur ein Immobilienprojekt wurde vorzeitig zurückgezahlt und brachte 18% Rendite. Im Vertrag gab es die Klausel, dass bei vorzeitiger Rückzahlung die Zinsen bis zum regulären Vertragsende zu zahlen waren. Ein Glücksfall. Ein Glücksfall ist auch die Tatsache, dass ich bisher noch keine Ausfälle habe. Ich bin mir aber des hohen Risikos bewusst und weiß, dass Totalausfälle zum Geschäft gehören.

Was motiviert Dich per Crowdinvest zu investieren? Machst Du das aus Spaß oder ausschließlich wegen der Rendite?

Es ist die Mischung aus beidem: kein Spaß ohne Rendite und keine Rendite ohne Spaß! Nein, ganz im Ernst: natürlich geht es ums Geld. Aber nicht um jeden Preis. Die Projekte müssen mich schon überzeugen und es gilt immer: Je höher die Rendite, desto höher auch das Risiko.

Auf was achtest Du bei der Projektauswahl? Ist es eher eine Bauchentscheidung oder schaust Du Dir die Zahlen genau an?

Auch hier ist es eine Mischung aus beidem. Klar, ich sehe mir die Zahlen genau an und recherchiere zusätzlich außerhalb der Plattformen über die betreffenden Unternehmen und die Projekte. Auch wenn dann alles passt, ohne das Okay aus dem Bauch geht es nicht. Ein Verstoß gegen meine Prinzipien und ich lasse die beste Rendite sausen.

Beispiel Immobilien: Während noch vor ein paar Monaten das eingeworbene Nachrangdarlehen zweckgebunden war an das vorgestellte Objekt, so liest man immer öfter, dass das Kapital z.B. für den „Ankauf weiterer ähnlicher Objekte“ vorgesehen sei. Mit anderen Worten: Lieber Anleger, investiere doch einfach in Blaue! Da bleibt nur eins: Nein danke!

Wie intensiv verfolgst du die Projekte nach dem erfolgreichen Funding?

Ich möchte nicht kalt erwischt werden mit einer Ausfallnachricht und gebe mich deshalb auch nicht mit dem zufrieden, was die Unternehmen im Rahmen ihrer dürftigen Informationspflichten veröffentlichen. Ich informiere mich deshalb auch über unabhängige Plattformen, Blogs und vieles mehr.

Was unterscheidet Deiner Meinung eine gute Plattform von einer nicht so guten Plattform?

Das kann ich anhand eigener Erfahrung an zwei Beispielen erklären. Im ersten Fall fand ich die Informationspolitik einer Plattform nicht nur unzureichend, sondern sogar irreführend. Meine Kritik wurde umgehend mit meinem Rauswurf quittiert. Im zweiten Fall zielte meine Kritik wiederum auf den Umgang mit Informationen. Von dieser Plattform kam eine Entschuldigung und die Bitte, bei der Lösung zu helfen, was ich gerne tat.

Das Risiko des Totalverlustes beim Crowdinvesting ist ein häufig diskutiertes Thema. Fühlst Du Dich über die Ausfallrisken entsprechend aufgeklärt?

Ganz ehrlich, wenn man sich intensiv damit befasst, dann kann man es irgendwann nicht mehr hören, eine Art Abstumpfungseffekt. Aber ich habe es immer im Hinterkopf, auch wenn ich – wie oben schon erwähnt – bisher das Glück hatte, noch keinen Totalausfall verbuchen zu müssen. Aber irgendwann wird es auch mich erwischen. Ich werde damit umgehen können, denn es wird keine Überraschung sein. Trotz aller Mühe und Vorsicht. Jedem Neuling sei gesagt: Nimm das ernst mit dem Totalausfall, denn in diesem Geschäft gibt es nur  „Hopp“ oder „Topp“! Dazwischen ist nichts!

Stichwort Regulierung: wie ist Deine Meinung zu dem aktuellen Entwurf für ein Kleinanlegerschutzgesetz?

Niemand – schon gar nicht ein Politiker – will schuld daran sein, wenn etwas schiefläuft. In der Folge handelt man viel zu vorsichtig. Und dann wird überreguliert. Ich finde das sehr schade, denn damit verbaut man sich in Deutschland wieder mal ein Stückchen Zukunft. Die Crowd ist erwachsener als man denkt, aber leider auch noch sehr unerfahren. Man muss immer kritisch hinterfragen und darf sich nicht von unterhaltsamen Firmenvideos oder Hochglanz-Exposés blenden lassen.

Hast Du noch einen Tipp für interessierte Crowdinvestoren?

Wer meine Antworten bis hierher gelesen hat, der stellt sich vielleicht die Frage: Was macht denn dieser Mensch sonst noch außer Crowdfunding? Ja, ich habe auch noch einen ganz normalen Job, aber ich nehme mir viel Zeit, um mein ehrlich verdientes Geld möglichst breit gestreut und gewinnbringend anzulegen. Information ist alles und die kostet viel Zeit. Zeit, um nicht überstürzt und blauäugig zu handeln.

Und ganz wichtig: Spaß macht es auch!

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg beim crowdinvestieren!

 

Anmerkung: Zwischen dem Crowdinvestor Gerhardt und der crowdfunding.de Redaktion besteht seit ca. einem halben Jahr gelegentlicher Austausch per E-Mail. Auf Wunsch von Gerhardt veröffentlichen wir das Interview nur mit seinem Vornamen. Das Foto ist ein Symbolfoto (Fotocredit: Pexels).