Der Artikel „Der Schwarm wächst“ von crowdfunding.de Herausgeber Michel Harms ist zunächst in der Sonderausgabe der Fondszeitung „Sachwerte Digital“ 09/2018 erschienen. Ein PDF der Fondszeitung kann kostenfrei per Mail angefordert werden: nadine.dost@welther-verlag.de

Der Schwarm wächst

Das gesamte seit 2011 in Deutschland investierte Crowdkapital hat im Juni 2018 die 500 Millionen Euro-Marke erreicht. Davon wurden 200 Millionen Euro im Jahr 2017 investiert. Im ersten Halbjahr 2018 hat das Volumen gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 48 Prozent zugelegt.

Trends 2018

Die folgenden Trends könnten deutlichen Einfluss auf die weitere Marktentwicklung von renditeorientiertem Crowdfunding nehmen.

Banken und Crowdfunding
Nach verschiedensten Annäherungen von Banken an das Thema Crowdfunding in den letzten Jahren, wie z.B. der Launch der Plattform „GLS Crowd“, gibt es auch 2018 neue Entwicklungen. Die KfW Bank hat eine Kooperation mit der Plattform LeihDeinerStadtGeld bekanntgegeben. Im Rahmen der zweijährigen Pilotphase will die KfW ihr Netzwerk einsetzen, um bei der Suche nach Kommunen zu helfen, die ein Infrastrukturvorhaben über die Crowd finanzieren möchten. Mit „Deutsche Crowdinvest“ ist eine von der Sparkasse Saarbrücken initiierte Crowd-Plattform für Unternehmensfinanzierungen an den Start gegangen.

Institutionelle Investoren
Die Plattformen öffnen sich zunehmend für institutionelle Investoren. Da professionelle Investoren die Möglichkeiten haben, Projekte intensiver zu prüfen, könnten sie in der Rolle als Lead Investoren als Orientierungsinstanz für Kleinanleger dienen. Weiterhin helfen die zusätzlichen Volumina der institutionellen Investoren den Plattformen auf dem Weg in die Profitabilität und somit der Entwicklung des Marktes.

Regulierung
Am 28. Juni 2018 hat der Bundestag einen neuen Gesetzentwurf verabschiedet, welcher das Wertpapierprospektgesetz (WpPG) den europäischen Vorgaben angepasst hat. Das neue WpPG ermöglicht Unternehmen ein öffentliches Angebot von Wertpapieren bis zu einem Emissionsvolumen von maximal acht Millionen Euro, ohne einen Wertpapierprospekt erstellen zu müssen. Die Möglichkeit, Projekte mit höherem Emissionsvolumen als bisher ohne kostenaufwändigen Prospekt platzieren zu können, könnte einen weiteren Wachstumsimpuls setzen.

Potentiale

Drei aktuelle Studien zeigen Tendenzen auf, wohin sich der Markt entwickeln könnte. Dabei werden unterschiedliche Perspektiven beleuchtet, da jeweils verschiedene Marktteilnehmer befragt wurden: institutionelle Investoren, Immobilienentwickler und Finanzentscheider bei mittelständischen Unternehmen.

Mittelständische Unternehmen – Mezzaninfinanzierungen
Die auf KMU-Finanzierungen spezialisierte Plattform Finnest hat 2017 eine Umfrage unter mittelständischen Unternehmen durchgeführt. Dazu wurden 55 Geschäftsführer und Finanzentscheider aus Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 10 Millionen Euro befragt. Kernergebnisse:

  • 46 Prozent der Befragten gaben an, bereits aktiv nach zusätzlichen, neuen Finanzierungsquellen zu suchen.
  • Für 31 Prozent wäre die Stärkung der Bilanzstruktur durch Eigenkapital oder Mezzaninkapital aktuell sehr hilfreich.
  • 29 Prozent können sich vorstellen, eine Online-Finanzierung auch einmal für Marketing-Zwecke einzusetzen.

Mittelständische Unternehmen – Crowdlending
Deloitte und das EFAM (Europäische Forschungsfeld Angewandte Mittelstandforschung) der Uni Bamberg haben 244 Entscheider aus mittelständischen Unternehmen befragt. Der Umsatzmedian der teilnehmenden Unternehmen lag bei 10 Millionen Euro. Die 2018 veröffentlichte Studie folgt einer ersten Umfrageerhebung im Jahr 2015. Kernergebnisse:

  • 50 Prozent der befragten Unternehmen kennen Crowdlending.
  • 14 Prozent haben Interesse an der Finanzierung über Crowdlending-Plattformen. Im Jahr 2015 lag der Wert noch bei 3 Prozent.

Entwickler und institutionelle Investoren – Immobilien-Crowdfunding
Im Mai 2018 hat EY Real Estate eine Studie zu Immobilien-Crowdfunding veröffentlicht. An der Umfrage haben sich insgesamt 64 Teilnehmer aus den Segmenten Plattformen, institutionelle Investoren und Projektentwickler beteiligt. Kernergebnisse:

  • 25 Prozent der Immobilienentwickler planen zukünftig über Crowdfunding-Plattformen Kapital zu beschaffen.
  • Auf die Frage, ob sie Crowdfinanzierungen als für sich geeignetes Anlagevehikel sehen, haben 39 Prozent der institutionellen Investoren mit „Ja“ oder „eher Ja“ geantwortet.

Die verschiedenen Umfrageergebnisse verdeutlichen, dass bei potentiellen Kapitalnachfragern und -anbietern erhebliches Interesse an Crowdfinanzierungen besteht. Dennoch sollte man beim Aufstellen von konkreten Wachstumsszenarien vorsichtig sein.

So erklären auch die Studienautoren der EY Immobilienstudie, dass es zwar Raum für deutliches Wachstum gäbe, es aber nicht so schnell gehen wird, da viele Investoren und Projektentwickler erstmal Vertrauen in das Vehikel gewinnen müssten.

Ausblick

Es ist davon auszugehen, dass zwischen der Entwicklung des Vertrauens in das Vehikel und dem Vertrauen in einzelne Anbieter beziehungsweise Plattformen eine Wechselwirkung besteht. Vermelden Anbieter pünktliche Rückzahlungen oder andere positive Erfolgsmeldungen, stärkt dies das Finanzierungsprinzip in der öffentlichen Wahrnehmung. Eine Häufung von Ausfällen oder mögliche Skandale bewirken das Gegenteil. Von daher ist es im Interesse aller langfristig orientierten Marktteilnehmer, wenn im Dialog mit dem Gesetzgeber und dem Verbraucherschutz Mechanismen geschaffen werden, die es unseriösen Anbietern erschweren, im Markt Fuß zu fassen.

In Bezug auf ihre Marketingkommunikation gegenüber Anlegern sind Anbieter gut beraten keine falschen Erwartungen zu wecken. Zinsvergleiche zum einlagegesicherten Tagesgeld oder Betonrendite-Assoziationen bei Immobilien-Crowdinvestments sind da sicherlich nicht dienlich. Nur Kleinanleger die sich der Risiken vollends bewusst sind, können mit möglichen Ausfällen entsprechend professionell umgehen. Digitalisierung heißt nicht nur, dass Anbieter ihre Werbebotschaften zielgenauer ausspielen und Zeichnungsprozesse beschleunigen können. Digitalisierung heißt auch, dass verärgerte Kunden mit ihrer Enttäuschung völlig neue Reichweiten erzielen. Sich in den sozialen Medien entfaltende Kundenenttäuschung kann sich mittlerweile auf die Börsenkurse der betroffenen Unternehmen auswirken.

Es bleibt zu wünschen, dass sich der Markt auf Basis realistischer Erwartungshaltungen stetig qualitativ und quantitativ weiterentwickelt und so langfristig sein volles Potential entfaltet. Dann ist es auch möglich, dass die Phase ausbleibt, die nach dem Hype-Cycle Modell von Gartner auf den „Gipfel der überzogenen Erwartungen“ folgt, nämlich „Das Tal der Enttäuschungen“.