Gerhardt ist Crowdinvestor. Er hat in den letzten Jahren in über 200 verschiedene Projekte investiert. Bereits im Mai 2017 und im Januar 2018 führten wir Interviews, in denen wir ihn nach Motiven, Wünschen und seiner Meinung zum Markt befragt haben.

Im dritten Teil der Interview-Reihe erzählt der Handelsfachwirt aus Bayern, was er von Anleihen und Forderungsverkäufen hält, erläutert seine Meinung zu Zahlungsverzügen beim Crowdinvesting und berichtet vom aktuellen Rendite-Zwischenstand seines Crowdinvest-Portfolios. 

crowdfunding.de: Unser letztes Interview haben wir vor einem Jahr geführt. Wie fällt Dein persönlicher Crowdinvesting-Rückblick für 2018 aus?

Gerhardt: Es war ein turbulentes Jahr. Die Szene hat sich sehr verändert. Das betrifft die Plattformen und vor allem das Angebot. Und es betrifft mein eigenes Portfolio, in dem es viele Neuzugänge und vermehrt auch Abgänge gab. Wie befürchtet war das Ende nicht immer ein gutes…

Mittlerweile hast Du in 220 Projekte investiert. Wie verteilt sich das über die Crowdinvest-Segmente Immobilien, Mittelstand, Startup und Energie? Wo legst Du aktuell Deinen Fokus?

Gerhardt: Wenn man nicht aufpasst, dann bekommt ein Teilbereich sehr schnell das Übergewicht. Anfang 2017 hatten Immobilien fast 60% meiner Anlagesumme erreicht und ich habe deshalb mehr Gewicht auf Ausgewogenheit gelegt. Nach und nach habe ich das Betongold auf nun ca. 26% heruntergefahren.

Gleichzeitig ist der Bereich KMU von 15% auf gut 39% gestiegen. Leider ist das Angebot im Unternehmensbereich zumindest zeitweise sehr mager und ich habe schon mehrmals vergeblich nach einem passenden Projekt gesucht. Dabei wäre die Diversifikationsmöglichkeit gerade im Mittelstand sehr vielfältig.

Ähnlich ist es im Energiesektor. Viele Projekte laufen in sogenannten Entwicklungsländern. Meist können sich die Renditen sehen lassen, aber – was haben wir gelernt? – leider auch das Risiko. Bei deutschen Projekten sind mir meist die Laufzeiten zu lange bei gleichzeitig zu geringen Zinssätzen. Viel mehr als 5% Anteil ist noch nicht zusammengekommen.

Startups machen seit 2 Jahren rund 25% des Portfolios aus. Es kommt immer mal wieder was dazu, beendet wurde bisher noch kein Projekt. Kann sein, dass der Anteil in 2019 etwas steigt. Ich habe nämlich Seedrs für mich entdeckt.

Zu guter Letzt hängt noch ein kleiner Teil im Auslaufmodell Privatkredit fest. Mehr als die schwarze Null wird es da wohl nicht geben.

Und wie sieht die gesamte Zwischenbilanz Deines Crowd-Portfolios aus? Ist die Gesamtrendite noch im grünen Bereich?

Gerhardt: Ja, es ist grün! Trotz zwei Totalverlusten, die ich diesmal in der Steuererklärung habe: Luvebelle (Immobilie bei Zinsland) und die Risus GmbH (KMU bei KATRIM). Ich hoffe sehr, dass diese beiden Verluste aus Nachrangdarlehen anerkannt werden, denn die Aussichten auf Rückzahlung sind gleich null. Bei Risus kann man seine nachrangigen Forderungen nicht einmal anmelden. Der Insolvenzverwalter hat gleich abgewunken.

In Zahlen schaut das so aus: Kamen 2017 aus 14 beendeten Projekten stolze 7,4% Rendite, so blieben 2018 aus 44 zurückgezahlten Projekten nur 3,6% übrig. Die beiden Totalausfälle haben das Ganze schlichtweg halbiert.

Aber: Ich bin zufrieden. Die Erträge kommen schließlich ausnahmslos aus „normaler Verzinsung“. Es ist noch kein Exit-Ereignis dabei.

Im Immobilien-Bereich werden neben den Nachrangdarlehen mittlerweile auch Forderungen aus Bankdarlehen angeboten. Wie gefällt Dir das Konstrukt?

Gerhardt: Auf den ersten Blick könnte man glauben, dass nun – ohne Nachrang – plötzlich alles ganz sicher ist, aber dem ist ja nicht so. Die oftmals gebotenen Sicherheiten wie Grundschuld im Rang nach der finanzierenden Bank oder Bürgschaften von Gesellschaftern verhindern zwar, dass Zins- und Tilgungszahlungen nicht mehr mit dem simplen Hinweis auf eine drohende Insolvenz unbefristet verschoben werden können, aber wenn es kracht, dann steht man trotzdem nicht in der ersten Reihe.

Und was hältst Du von den Anleihen, die auch immer häufiger angeboten werden. Bist Du da dabei?

Gerhardt: Nein, da bin ich nicht dabei. Zu große Summen, zu unübersichtlich. Für die Plattformen sind sie wohl ein Segen, denn so lassen sich Umsätze generieren. Für den kleinen Anleger finde ich sie zu kompliziert und oft auch zu teuer. 1.000 Euro Mindestanlage lassen für viele keine große Diversifizierung zu, aber die halte ich für sehr wichtig. Sonst tut es sehr weh, wenn mal was ausfällt. Und das wird es, denn die Annahmen zu den Wertsteigerungen, an denen man partizipieren soll, sind ab und an schon abenteuerlich.

Inwieweit bist Du von Verzögerungen bei Zins- und Tilgungszahlungen betroffen? Für die Crowdinvest-Datenbank hast Du uns ja freundlicherweise fleißig Informationen zu Projekten mit Zahlungsverzug gegeben.

Gerhardt: Momentan habe ich 12 Fälle auf dem Radar, aber nur bei vier Projekten mache ich mir größere Sorgen. Bei den anderen rechne ich damit, dass die Zahlungen zwar u.U. stark verzögert, aber dennoch in voller Höhe erfolgen werden. Ich hatte schon einige solcher Wackelkandidaten, aber bisher nahmen alle – bis auf die zwei oben genannten Totalausfälle – ein gutes Ende.

Ehre wem Ehre gebührt, darum möchte ich an dieser Stelle das gute Forderungsmanagement mancher Plattformen lobend erwähnen: Das Team von kapilendo und die Österreicher von dagobertinvest arbeiten hier sehr professionell.

Wir haben uns entschieden, die Namen der Emittenten mit Zahlungsverzug in der Crowdinvest-Datenbank vorerst nicht öffentlich zu nennen (-> mehr Infos). Wie ist da Deine Sicht auf die Dinge? Wie weit sollte die Transparenz Deiner Meinung nach hier gehen, damit sich der Markt bestmöglich entwickelt und breite Akzeptanz bei Anlegern und Emittenten erlangt?

Gerhardt: Die reine Meldung eines Zahlungsverzugs ohne Kommentar und Hintergrund muss zwangsläufig negativ sein. Ich nenne zwei Fälle, die sich nicht unterscheiden würden:
Im ersten Fall bleibt gleich die ersten Zinszahlung aus, die Gesellschaft wird liquidiert und von allen Seiten hört man, dass es wohl strafrechtliche Schritte gegen den Firmeninhaber geben wird.
Im zweiten Fall verzögert sich die endfällige Zins- und Tilgungszahlung. Ursache ist eine klassische Pechsträhne: Erst stirbt überraschend der Geschäftsführer, kurz darauf auch der Vertriebsleiter. Also muss man sich notgedrungen einen Vertriebspartner suchen und – gerät tatsächlich an einen Betrüger!

Mag sein, dass die meisten Anleger der kleine Unterschied zwischen den beiden Fällen gar nicht interessiert. Sie wollen einfach nur ihr Geld wiederhaben. Plus Zinsen selbstverständlich. Aber ist Crowdfunding nicht mehr? Sucht man sich die Projekte nicht bewusst aus? Weil man hinter der Idee, dem Produkt oder dem Team steht? Und ja: Risiko inklusive?

Es muss transparent für den Anleger sein, dass nicht alles glatt läuft. Die Ausfälle sieht man ja schon in deiner Datenbank. Hierbei handelt es sich um Informationen, die bereits veröffentlicht sind (z. B. in den Insolvenzbekanntmachungen). Bei den Verzögerungen mit offenem Ende ist das meist nicht der Fall und eine namentliche Nennung würde ich aus oben genannten Gründen nicht empfehlen. Es könnte mehr schaden als nützen und Projektinhaber u.U. in brenzlige Situationen bringen. Andererseits würde ich aber die Plattformen namentlich nennen, denn wie sonst sollte man erkennen, wer es an Qualität bei der Projektauswahl mangeln lässt?

Was wünscht Du Dir von den Plattformen und Emittenten, damit der Markt für Dich als Crowdinvestor langfristig attraktiv bleibt?

Gerhardt: Der Trend geht wie so oft zu immer größer und entfernt sich zunehmend von dem, was Crowdfunding eigentlich ist. Wie heißt es in deiner Definition? „Viele Menschen investieren gemeinsam mit geringen Mindestanlagesummen online direkt in konkrete unternehmerische Vorhaben.“

Ich verstehe, dass die Marktführer angesichts roter Zahlen auf Quantität setzen müssen, denn nur so lassen sich Kosten senken und Erträge steigern. Aber wenn der Anleger nur noch mit Mammutprojekten konfrontiert ist, dann kann er auch gleich monatliche Kleinbeträge in einen anonymen Fonds einzahlen.

Mit über 2 Jahren und 220 Projekten Crowdinvestment-Erfahrung: Welchen Tipp würdest Du Menschen geben, die sich neu mit dem Thema beschäftigen?

Gerhardt: Gebt keinen Euro aus der Hand, bevor ihr nicht versteht, was Crowdinvesting bedeutet. Nehmt euch alle Zeit die ihr braucht, um euch das notwendige Wissen und Verständnis anzueignen. Fangt klein an und sammelt Erfahrungen, um dann nach und nach ein wirklich diversifiziertes Portfolio aufzubauen.
Und Vorsicht: Es macht irgendwann echt Spaß und irgendwie auch süchtig.

Vielen Dank für das Interview!

 

Anmerkung: Zwischen dem Crowdinvestor Gerhardt und der crowdfunding.de Redaktion besteht seit ca. zwei Jahren Austausch per E-Mail und Telefon. Auf Wunsch von Gerhardt veröffentlichen wir das Interview nur mit seinem Vornamen. Das Foto ist ein Symbolfoto (Fotocredit: Pexels).

Hier geht zum ersten Interview mit Gerhardt aus dem Mai 2017

Hier geht zum zweiten Interview mit Gerhardt aus dem Januar 2018