Im Mai 2017 haben wir erstmals ein Interview mit Gerhardt geführt (zum ersten Interview). Der Handelsfachwirt aus Bayern ist leidenschaftlicher Crowdinvestor, er hat bereits in 145 Projekte auf 20 verschiedenen Plattformen investiert.

Im einem zweiten Gespräch mit crowdfunding.de zieht er erstmals eine Zwischenbilanz.

crowdfunding.de: Seit unserem letzten Gespräch ist mehr als ein halbes Jahr vergangen. Damals meintest Du, es wäre zu früh um Bilanz zu ziehen. Wie sieht es jetzt aus?

Gerhardt: In diesem halben Jahr ist viel passiert. Inzwischen sind 13 Projekte aus meinem Portfolio zurückgezahlt worden mit einer Durchschnittsrendite von über 7% p.a. Zugegeben, dieses Ergebnis ist etwas geschönt, denn es waren zwei Projekte dabei, die zwar vorzeitig zurückgezahlt wurden, aber laut Vertrag mit den Zinsen für die volle Laufzeit. Ohne diese Glücksfälle stünden 5,8% p.a. in der Ergebniszeile. Ich bin zufrieden.

Beim Immobilien-Crowdinvesting gibt es mittlerweile die erste Pleite. Hast Du auch in dieses Projekt investiert?

Klar bin ich dabei! Das war echt eine Überraschung für mich. Nicht das Insolvenzereignis an sich, sondern dass es dieses Projekt war. Das Bauobjekt ist eigentlich längst als Ganzes verkauft, nur der Kaufpreis ist gemäß Baufortschritt erst teilweise in trockenen Tüchern. Eine Bauverzögerung, ein verschwundener Finanzbuchhalter… und fertig ist der Salat!

Wenn es bei diesem Insolvenzprojekt zu einem Totalausfall der Anlegergelder kommen sollte, wärst Du mit deinem Portfolio aber im Minus, oder nicht? Rechnerisch braucht es 17 erfolgreiche Investments (bei 6%, 12 Monaten Laufzeit und jeweils gleicher Investhöhe), um ein ausgefallenes Investment wieder reinzuholen.

Nein, zum Glück bin ich noch nicht im Minus, dafür sorgt die Diversifikation, also die Streuung über viele Projekte in unterschiedlichen Bereichen. Leider wissen wir noch nicht, jedes wievielte Projekt wirklich ausfallen wird. Ich fürchte fast, es wird nicht nur jedes 18. sein. Allerdings glaube ich auch, dass man durch kritische Auswahl die Bilanz im eigenen Portfolio etwas verbessern kann.

Wie kann man sicherstellen, dass man nicht in die falschen Projekte investiert?

Definitiv gar nicht, denn Sicherheit gibt es nicht! Das sehe ich ja an mir selbst. Ich suche mir die Projekte gewissenhaft aus, nutze alle verfügbaren Informationsquellen und höre auch auf meine innerste Stimme (gemeinhin „Bauchgefühl“ genannt), aber trotzdem bin ich gleich bei der ersten Immobilien-Pleite mit dabei. Nicht dabei bin ich allerdings bei einigen Startup-Pleiten, obwohl ich bei manchen Projekten nahe am Investieren war.

Eine Untersuchung des Verbraucherschutzes hat ergeben, dass die Informationen in den Vermögensanlagen-Informationsblättern (VIB) oftmals nicht korrekt waren. Nutzt du das VIB als Informationsquelle?

Das VIB ist mit 3 Seiten eine relativ übersichtliche Informationsquelle. Der Aufbau ist relativ einheitlich und man sucht mit der Zeit gezielt nach den wichtigen Kerninformationen. Ob alles der Wahrheit entspricht, lässt sich für den normalen Anleger nur schwer, wenn überhaupt nachprüfen. Ich versuche das mit Infoquellen außerhalb der jeweiligen Plattform zu kompensieren.

Eine der Forderungen der Verbraucherschützer lautet, die Befreiung der Prospektpflicht nur unterhalb einer einheitlichen Anlagegrenze von 250 Euro pro Anleger zu erlauben. Was hältst Du von einem solch niedrigen Schwellenwert?

Schwellenwerte sind immer subjektiv. Für den einen sind 250 Euro jede Menge Geld, für den anderen sind sie Peanuts. Die Prospekterstellung ist eine aufwendige und teure Angelegenheit und ich frage die Verbraucherschützer, ob sie ernsthaft glauben, dass der teure Prospekt mehr Wahrheit beinhalten wird als das „billige“ VIB. Ich fürchte vielmehr, dass der Anleger prospektgläubig werden könnte und sich das mutmaßlich umfangreiche Werk gar nicht mehr anschaut.

Die Verbraucherschützer befürchten, dass zunehmend unbedarfte Kleinanleger ins risikobehaftete Crowdinvestment „gelockt“ werden. Wie kann man das verhindern?

Das Lockmittel heißt Werbung. Obwohl ich – dank Fernbedienung – passionierter Werbeverweigerer bin, komme ich gelegentlich an den Spots verschiedener Plattformen nicht vorbei – Tendenz steigend. Klar, dass damit Neulinge angelockt werden, aber das finde ich auch legitim. Ich war ja auch mal einer. Die Risikohinweise sind spätestens auf den Plattformen selbst so omnipräsent, sodass sie auch der Unbedarfteste nicht überlesen kann.

Was ich mich frage ist vielmehr: Wer schützt eigentlich die Großinvestoren und Business Angels, die viel höhere Risiken eingehen? Warum wollen die ganzen Schützer und Wächter immer nur den „kleinen Mann“ davon abhalten, auch einmal mehr als die Tagesgeldrendite zu erwirtschaften? Information und Beratung okay, Populismus nein danke.

Würdest Du Dir wünschen, dass die Plattformen mehr in die Verantwortung genommen werden?

Ja, das würde ich mir wünschen. Ein Fall aus jüngster Vergangenheit bestärkt mich darin. Es handelt sich um die Insolvenz eines Mittelständlers, der mit Hilfe der Crowd ein neues Werk auf die Wiese stellen und mit regenerativer Energie betreiben wollte. Ich hatte Bedenken und bis zur Funding-Endphase gezögert. Als dann offensichtlich war, dass nur gut 10% der Zielsumme eingeworben werden konnten, wollte ich über die Plattform wissen, was bei diesem Worst Case aus der geplanten Investition letztlich werden würde. Erst kam gar nichts und ich hakte kurz vor Fundingende noch einmal nach. Nun erhielt ich die Info, dass es zwar eine Antwort des Unternehmens gäbe, diese aber mich Anleger nur noch mehr verunsichern würde. Wem drängt sich da nicht die Frage auf, ob der Plattformbetreiber nicht die Reißleine hätte ziehen können und müssen? Ich habe zum Glück die Finger davon gelassen, aber als tatsächlicher Anleger würde ich nun unangenehm nachbohren müssen…

Hand aufs Herz: Glaubst du, dass Crowdinvestments eine rentierliche Anlageklasse für Dich darstellen können?

Sie tun es bereits, wie ja meine Zwischenbilanz schon zeigt. Die eine oder andere Pleite wird sicherlich so manche Jahresrendite nach unten knallen, aber inzwischen bin ich so breit aufgestellt, dass ich mir zutraue, Tages- und Festgelder locker schlagen zu können.

Lohnt sich denn der ganze Aufwand? Wäre es nicht viel einfacher sein Geld in ETF’s oder über Robo-Adviser wie „Scalable“ zu investieren?

Den Satz „Die Arbeit darfst du natürlich nicht rechnen!“ hört man in den verschiedensten Zusammenhängen. Wem sie zu viel ist, der kann alle Entscheidungen gerne anderen überlassen und sich dafür abkassieren lassen. Wer sie nicht scheut, der kann den selbst geschaffenen Erfolg auch selbst ernten. Aber hey, die Misserfolge kann man dann natürlich auch niemanden anderen anhängen. Und ganz wichtig: Es macht noch mehr Spaß wie vor gut einem halben Jahr.

Wie sieht bei Dir mit anderen neuen Anlagemöglichkeiten aus? Hältst Du Bitcoins, hast Du schon einmal einen ICO mitgemacht?

Ich bin Anleger und kein Zocker! Ich habe kein Spielgeld, dessen Verlust mich nur ein Achselzucken kostet. Ich habe alles selbst verdient und will es mit persönlichem Einsatz kontinuierlich vermehren. An das Märchen der wunderbaren Geldvermehrung – am besten noch urplötzlich und ohne großes Zutun – glaube ich nicht. Gier führt nur in den seltensten Fällen zum Erfolg.

„Mehr sog‘ i ned!“ wie es in Bayern heißt.

Vielen Dank für das Interview!

 

Anmerkung: Zwischen dem Crowdinvestor Gerhardt und der crowdfunding.de Redaktion besteht seit ca. einem Jahr gelegentlicher Austausch per E-Mail und Telefon. Auf Wunsch von Gerhardt veröffentlichen wir das Interview nur mit seinem Vornamen. Das Foto ist ein Symbolfoto (Fotocredit: Pexels).

Hier geht zum ersten Interview mit Gerhardt aus dem Mai 2017