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Wer ist der bessere Startup-Finanzierer?

Die Höhle der Löwen vs. Crowd

Für Startups haben sich in den letzten Jahren mit der TV-Show „Die Höhle der Löwen“ (DHDL) und dem internetbasierten Crowdfunding zwei neue, öffentlichkeitswirksame Finanzierungsalternativen aufgetan. Doch wer ist der bessere Startup-Finanzierer – die Crowd oder die Löwen?
Von Michel Harms am 03. Oktober 2017

Die Löwen
In der TV-Show „Die Höhle der Löwen“ präsentieren Gründer ihre Geschäftsideen einer 5-köpfigen Jury und versuchen diese als Investoren zu gewinnen. Seit 2014 läuft die Sendung erfolgreich in Deutschland auf VOX.

 

Die Crowd
Beim Crowdfunding präsentieren sich Startups auf Internet-Plattformen der Öffentlichkeit und versuchen diese als Vorbesteller für ihr Produkt (klassisches Crowdfunding) oder Investoren zu gewinnen (Crowdinvesting). Crowdfunding startete 2011 in Deutschland und etabliert sich seitdem zunehmend.

Investiertes Kapital

In der ersten DHDL-Staffel 2014 haben die Löwen Startup-Investments in Höhe von 1,9 Mio. Euro zugesagt, im Jahr 2015 waren es 2,8 Mio. Euro, für die dritte Staffel 2016 ließen sich keine Zahlen finden, die vierte Staffel läuft aktuell noch. (Quelle)

Über die Crowd wurden in Deutschland seit 2011 rund 80 Mio. Euro in Startups investiert (Quelle). Nicht berücksichtigt sind hier die Gelder, die Startups über klassisches reward-based Crowdfunding einsammeln konnten.

Auch wenn sich für die Löweninvestments keine ganz genauen Zahlen finden ließen, machen die Dimensionen deutlich, dass die Crowd beim investierten Kapital weit vorne liegt.

0:1 Löwen vs. Crowd

Mediale Reichweite

DHDL erreicht pro Sendung teilweise mehr als 3 Mio. Zuschauer. Im Anschluss folgt meist Berichterstattung in reichweitenstarken Medien wie z.B. BILD, Stern oder Gründerszene.

Die deutschen Crowdfunding-Plattformen weisen stolze Nutzerzahlen aus (z.B. Startnext 830.000, Companisto 73.000, Seedmatch 54.000). Durch geschickte Öffentlichkeitarbeit gelingt es Crowdfunding-Startups immer wieder, Presseberichte und Sichtbarkeit in den sozialen Netzwerken zu bekommen.

Die mediale Aufmerksamkeit, die ein gelungener Auftritt bei DHDL mit sich bringen kann, kann der Schwarm nicht toppen. Punkt für die Löwen!

1:1 Löwen vs. Crowd

Sales und Distributionsaufbau

Nach Ausstrahlung der DHDL-Sendung kommt es bei den Startups häufig zu einer Überlastung ihrer Onlineshops. Wenn sie einen Deal machen, bringen sich auch die Löwen meist tatkräftig beim Aufbau weiterer Distributionskanäle ein. Zusätzlich springen große Händler häufig schnell auf erfolgversprechende Produkte aus der Show an.

International haben Händler das Potential von Crowdfunding-Produkten erkannt. So hat Amazon mit „Amazon Launchpad“ mittlerweile eine eigene Kategorie für Produkte, die über Kickstarter finanziert wurden.

Crowdfunding in Deutschland hat noch viel Potential, um sich als Türöffner für Listungen zu etablieren. Denn mit den erbrachten „Proof of Concept“, also dem Nachweis der Marktakzeptanz, hat ein erfolgreiches Crowdfunding-Projekt Tatsachen geschaffen, die kein Gatekeeper (Einkäufer) ignorieren kann. Aufgrund des starken, unmittelbaren Einflusses auf den Absatz geht diese Runde jedoch an die Löwen.

2:1 Löwen vs. Crowd

Feedback und Kundenbindung

Die Fernsehzuschauer bleiben bei DHDL in der passiven Konsumentenrolle. Interaktion und damit direkte Rückmeldung zum Produkt und Geschäftsmodell gibt es nur von den fünf Löwen.

Beim Crowdfunding gibt es eine unbegrenzte Zahl an Feedbackgebern. Das Eingehen auf Rückfragen und Aufnehmen von Vorschlägen aus der Crowd gehört hier zu den Grundvoraussetzungen. Für viele Gründer ist der Aufbau einer loyalen Gruppe – also potentielle Kunden, Investoren, Fans und Feedbackgeber – eines der Hauptmotive für den Start einer Crowdfunding-Kampagne.

Beim Thema Crowdbuilding spielt der Schwarm seinen Trumpf aus. Ausgleich!

2:2 Löwen vs. Crowd

 

Es steht unentschieden im Duell zwischen Löwen und Crowd. Das Ergebnis ist aber nachrangig, da die Suche nach dem „besseren“ Startup-Finanzierer nicht zielführend ist. Viel wichtiger ist es, dass jedes Startup den individuell „passenden“ Finanzierungsweg findet. Crowdfunding und die Höhle der Löwen bieten einzigartige Vorteile, sind aber mit Sicherheit nicht für jeden Gründer zu jedem Zeitpunkt geeignet.

Weiterentwicklungsmöglichkeiten und Schnittmengen

Die offene Finanzierung über das Internet und TV-Sendungen werden sich grundsätzlich weiterentwickeln. Hier liegt viel Potential für fruchtbare Schnittmengen. Für einen Teil der Crowd ist es sicherlich verlockend und vorteilhaft, an der Seite von etablierten Leadinvestoren zu investieren. Fernsehsendungen werden aller Voraussicht zunehmend interaktiver, die Zuschauercrowd mehr und mehr in die jeweiligen Formate einbezogen. Es bleibt spannend, was diese Entwicklungen und möglichen Schnittmengen für Startup- und Ideenfinanzierung bedeuten können.

Schon jetzt haben zahlreiche Startups ein Crowdfunding durchgeführt und davor oder danach die Höhle der Löwen besucht. Erfolgreiche Beispiele für Startups, die Geld von der Crowd und den Löwen erhalten haben: KoaWach, Meine Spielzeugkiste, Little Lunch, Lendstar, TOWELL, SugarShape, Schnexagon und Helga (siehe Details in der Tabelle weiter unten).

Fotogalerie

Startups, die Crowdfunding gemacht haben und in der Höhle der Löwen waren

wdt_ID Startup Beschreibung Die Höhle der Löwen Crowdfunding
1 Meine Spielzeugkiste Kinderspielzeug im Abo 2014: 300.000€ 2013: via Companisto: 100.000€ + 355.300€
2 Erdbär Gesunde Obstsnacks für Kinder 2014: kein Deal 2014: via Seedmatch: 250.000€
3 MyCleaner Service für Autoreinigung 2014: kein Deal 2014: via Seedmatch: 199.500€
4 Plöpper „schießender“ Flaschenöffner 2014: kein Deal 2013: via Startnext: nicht erfolgreich
5 Foodist Food-Spezialitäten Abo 2014 kein Deal 2013/14/15: via Companisto: 175.000€ + 295.200€ + 1.000.000€
6 Clicc Solarmodule für Smartphones 2014: kein Deal 2014: via Startnext: 82.151€
7 Kleiderkreisel Kleider leihen nach dem Büchereiprinzip 2014: kein Deal 2014: via Startnext: 15.346€
8 KoaWach Trinkschokolade mit Guarana 2015 Jochen Schweizer: 120.000€ 2014 via Startnext: 12.539€
9 Little Lunch Suppen 2015: Thelen, Öger, Williams 100.000€ 2017: via Kapilendo 1.250.000€
11 Lendstar Finanzapp 2015: Jochen Schweizer 250.000€ 2013: via Seedmatch 183.250€

Quellen: eigene Recherche, insbesondere www.startup-humor.de/die-hoehle-der-loewen/ und www.crowdinvest.de/datenbank. Keine Garantie für Vollständigkeit und Richtigkeit der Angaben / Artikelfoto: VOX / andere Fotos: eigene Aufnahmen
Update der Tabelle am 17.10.2017: nach Leserzuschriften wurden in der Übersicht die Startups „Remod“, „Von Floerke“ und „ZEI“ ergänzt. Danke für die Hinweise!

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Michel Harms

Herausgeber
crowdfunding.de
Michel Harms ist der Herausgeber von crowdfunding.de. Mit der Seite möchte er eine unabhängige Plattform bieten, die umfassend zum Thema informiert und den Crowdfunding Gedanken weiter trägt. Er glaubt an die potentialsentfaltende Wirkung von Crowdfunding und den positiven Einfluss auf die Gesellschaft und Wirtschaft.
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Autor
Michel Harms
Datum
03. Oktober 2017
Themen
Finanzierung, Startup

2 Kommentare

  • Karin Schmidt

    Hallo Michel,
    in der Liste fehlt Remod, sie waren bei DHDL erfolgreich in der ersten Sendung der aktuellen Staffel und hatten direkt im Anschluss noch Kickstarter für das Therapiebuch erfolgreich abgeschlossen.
    Herzliche Grüße
    Karin

    Antworten
  • Unsere Wirtschaft, unser Land kann nur dann im Internationalen Wettbewerb die Zukunft bestreiten- wenn wir begreifen, das nicht die Idee dem Geld – sondern das Geld der Idee hinterherlaufen sollte – crowdfunding könnte hier der erste Schritt in diese Richtung sein …. Sendungen wie die Löwen…(und so wie sie aufgezogen werden) finde ich äußerst peinlich – für unsere Gesellschaft und erniedrigend für Menschen mit guten Ideen.. mfg Thom Haeger

    Antworten

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