Ein Beitrag über aktuelle Entwicklungen und Zukunftsperpektiven im Crowdfunding. Der Artikel von crowdfunding.de Herausgeber Michel Harms ist zunächst in der Fondszeitung 01/2018 „Trends & Märkte“ erschienen. 

Autor: Michel Harms

Mit dem Projekt „Luvebelle“ gab es 2017 erstmals eine Pleite beim Immobilien-Crowdinvesting. Die Insolvenz hat sich bislang nicht merklich negativ auf die Marktentwicklung ausgewirkt. In den nächsten Monaten stehen etliche Immobilien-Crowdprojekte zur Rückzahlung an. Bei plangemäßer Rückzahlung ist davon auszugehen, dass das Anlegerinteresse und das Marktwachstum weiter anhalten werden. Falls es zu vermehrten Pleiten kommen sollte, wird viel davon abhängen, wie die Plattformen kommunizieren und wie die Medien und Anleger reagieren. Die Preisentwicklung auf den Immobilienmärkten stellt vermutlich einen der größten Einflussfaktoren dar, bei einem Preissturz ist mit einem erhöhten Ausfall an Immo-Crowdprojekten zu rechnen.

Die Startup-Crowdinvesting-Branche hatte zu Beginn des Jahres 2017 mit einer Häufung von Ausfällen zu kämpfen. Die Insolvenzen mehrerer Startups, die zum Teil Millionen von der Crowd eingesammelt haben, führten zu einem großen medialen Echo. Die Negativschlagzeilen machten es für die Branche schwerer Startups und Investoren für Crowdfunding zu gewinnen. Für eine nachhaltige Belebung des Marktes sind Exit-Ereignisse, also renditestarke Erträge aus Startup-Investments notwendig, um es Anlegern zu ermöglichen angefallene Verluste zu kompensieren.

Das Volumen exit-orientierter Unternehmensinvestments blieb in den letzten Jahren konstant, während festverzinste Crowdinvestments (z.T. mit zusätzlichen variablem Bonus) deutlich zulegen konnten. Dazu zählen Venture Loans für Wachstumsunternehmen sowie Finanzierungen für kleine und mittelständische Unternehmen. Die größten Potentiale bei den Unternehmens-Crowdfinanzierungen liegen im Mittelstand.

Plattform-Landschaft in Bewegung

In den Jahren 2011 bis 2017 sind etliche Crowdfunding-Plattformen gestartet, von denen viele ihre Aktivitäten mittlerweile eingestellt bzw. diese nie wirklich aufgenommen haben. Man kann also davon auszugehen, dass es auch zukünftig zu weiteren Verschiebungen kommen wird: Neugründungen, Plattformeinstellungen und Übernahmen.

Noch ist offen, ob sich der Markt, wie bei den Suchmaschinen und sozialen Netzwerken, auf wenige Anbieter konzentrieren wird oder ob eine vielfältige Plattformlandschaft Bestand haben wird. In dem Fall könnten Metaportale eine weitere Ebene zwischen Kapitalgebenden und Kapitalsuchenden einnehmen.

Tippgeber-Marketing auf dem Vormarsch

Viele Crowdfunding-Plattformen nutzen bei der Vermarktung mittlerweile Affiliate-Modelle. Durch entsprechende Links wird die Performance einer digitalen Werbemaßnahme getrackt und dann leistungsbezogen vergütet. Plattformen können so ihr Werbebudget effizient steuern.

Die Tippgeber-Modelle verhelfen dem Crowdinvestment Markt zu zusätzlicher Reichweite. Sie bergen allerdings auch ein erhebliches Potential für Interessenskonflikte. Beim Einsatz von Affiliate-Links im redaktionellen Kontext besteht die Gefahr, dass die Grenzen zwischen unabhängigen journalistischen Inhalten und kommerziellen Werbeartikeln für die Leser nicht unterscheidbar sind. „Freunde-werben-Freunde“ Gutscheine bergen das Risiko, dass Crowdinvestments auf einer persönlichen Ebene an Menschen weiterempfohlen werden, für die diese Anlageform möglicherweise nicht geeignet ist.

Zukunftsperspektiven im Crowdfunding

Die Diskussion über die Zukunft von Crowdfunding ist Teil der grundsätzlichen Diskussion über die Zukunft der Finanzen in einer digitalisierten Welt. Also die Frage, wie die Menschen zukünftig ihre Finanzanliegen abwickeln und welche Rolle dabei Banken, Plattformen und Berater einnehmen. Die folgenden Aspekte werden nach Ansicht des Autors bei der künftigen Entwicklung eine maßgebliche Rolle spielen.

> Soziale Netzwerke und Finanzen

Seit kurzem können deutsche Nutzer direkt über Facebook eine Spendensammlung starten. Noch vor wenigen Monaten stand diese Funktionalität als Test ausschließlich gemeinnützigen US-Unternehmen offen. Der Roll-Out zeigt, dass sich Geschäftsmodelle immer weniger eindeutig abgrenzen lassen und sich ein soziales Netzwerk durchaus zu einem Finanzierungsnetzwerk weiterentwickeln kann. Es wird sich zeigen, inwieweit die Nutzer die Spenden-Option annehmen und ob Facebook die Crowdfunding-Applikation auf weitere Finanzierungsarten ausweiten wird.

„WeChat“ ist eine Handy-App aus China, die vergleichbar mit „WhatsApp“, zunächst als Chatdienst gestartet ist. Mittlerweile ist „WeChat“ für einen Großteil der chinesischen Bevölkerung der wichtigste mobile Online-Zugang zu jeglicher Art von Dienstleistungen geworden. Neben Shopping und alltäglichen Dingen wie Essens- und Taxibestellungen, wird über die App auch auf Finanzdienstleitungen zugegriffen. Dadurch, dass die App eine eigene Bezahlfunktion hat, die die Nutzer mit ihren sozialen Kontakten verbindet und unzählige Drittanbieter einbindet, lassen sich völlig neue Crowdfunding-Möglichkeiten erahnen.

> ICO: Crowdfunding auf der Blockchain

Die Blockchain-Technologie verspricht die Möglichkeit eines dezentralen Finanzsystems. Damit hat Blockchain das Potential, das Versprechen, mit dem Crowdfunding angetreten ist, vollumfänglich zu realisieren – Finanzierungen direkt zu gestalten und so Gatekeeper und Zwischenhändler obsolet zu machen.

Ohne Mittelsmann werden beide Seiten, also Kapitalgeber und Kapitalempfänger in die volle Verantwortung genommen. Beim Crowdinvestment treffen Anleger ihre Entscheidungen schon jetzt komplett eigenverantwortlich – ohne Bankberater. Die Blockchain geht noch einen Schritt weiter. Statt auf einem Bankkonto werden die digitalen Währungen direkt auf der Blockchain gespeichert. Verliert man seine Zugriffsdaten, gibt es keine Kundenhotline die einem weiterhilft. Man wird als Einzelperson zu seiner eigenen Bank.

Crowdfunding auf Blockchain-Basis wird Initial Coin Offering (ICO) genannt. In den letzten Jahren gelang es mehreren Startups über ICO’s Rekordsummen einzusammeln. Die meisten dieser Fundings fanden unreguliert statt. In manchen Ländern sind ICO’s mittlerweile verboten. Die BaFin hat in einer Warnung eindrücklich auf die Risiken hingewiesen.

Für die breite Anlegerschaft ist die Beteiligung an einem ICO zum jetzigen Zeitpunkt noch zu komplex. Aber es werden Weiterentwicklungen in Bezug auf den regulativen Rahmen und die Allgemeinverständlichkeit stattfinden. Das in Berlin ansässige Unternehmen Neufund will Startup-Finanzierungen über die Blockchain anbieten. Die österreichische Crowdinvesting-Plattform Conda hat für 2018 einen ICO angekündigt.

> Eigene Entscheidungen vs. automatisierte Entscheidungen

Während Anleger beim Crowdinvesting bewusste Einzelentscheidungen treffen, ermöglichen Roboadvisor eine automatisierte Anlageverwaltung auf Basis gewählter Kriterien. Das „aktive Crowdinvestieren“ und das „passive Algorithmus-basierte Anlegen“ stellen dabei zwei gegensätzliche Pole dar, die in einer Sache denselben Vorteil versprechen – geringe Weichkosten und damit mehr Rendite.

Beide Formen der digitalen Geldanlage haben in den letzten Jahren deutlichen Zulauf erfahren, der zukünftig voraussichtlich weiter zunehmen wird. Ob die aktive oder die passive Form der Geldanlage für den Online-Anleger lohnender ist, hängt im großen Maße von der Ausgangsprämisse ab, die jeweils individuell zu treffen ist. Die Frage ist, ob man das bewusste Treffen der Einzelentscheidungen renditeschmälernd als Energie- und Zeitaufwand oder renditesteigernd als Erlebnis- und Selbstwirksamkeitsgewinn verrechnet.

> Investieren entlang bestehender Beziehungen

Bei der Entscheidungsfindung im Crowdinvesting können neben Rentabilität, Sicherheit und Liquidität weitere Faktoren, wie persönliche Interessen, Überzeugungen, Verbundenheit und Vertrauen durch eine gemeinsame Historie oder ein persönlicher Bezug eine wesentliche Rolle spielen.

Wie Crowdfunding entlang bestehender Kundenbeziehungen aussehen könnte, zeigen aktuelle Patentanmeldungen des US-Unternehmens Square Inc. Der Zahlungsdienstleister mit einem jährlichen Transaktionsvolumen von mehr als 50 Milliarden US-Dollar bietet seinen Kunden schon jetzt als zusätzliche Dienstleistung schnell abrufbare Kredite an. Die Kreditwürdigkeit und die entsprechenden Konditionen errechnen sich aus der Zahlungshistorie, also Daten, die dem Unternehmen ohnehin vorliegen. In ihrem Patent “Mobile Point-of-Sale Crowdfunding” geht das börsennotierte Unternehmen noch einen Schritt weiter. Händlern, die das mobile Zahlungssystem von Square nutzen, soll es unkompliziert ermöglicht werden, ihre Kunden als Crowdinvestoren zu gewinnen.

Abbildung aus der Patentanmeldung

In der Patentanmeldung wird das Beispiel eines Cafébetreibers beschrieben, der sich die Anschaffung einer neuen Kaffeemaschine über seinen bestehenden Kundenkreis finanzieren lässt. Der Cafébetreiber kann entscheiden, wem er das Investmentangebot machen will, also z.B. nur Kunden, die mehr als 15 USD pro Woche in dem Café ausgegeben. Den entsprechenden Kunden wird direkt am Point of Sale beim Bezahlen ihres Kaffees, das Crowdinvestment-Angebot unterbreitet, das sie dann direkt tätigen können. Die Abwicklung des Crowdfunding und der Zahlungen läuft über Square Inc.

Ob das Patent tatsächlich in der Praxis umgesetzt wird, wird sich zeigen. Das Beispiel macht in jedem Fall sehr deutlich, wie sich Kundenbeziehungen per Crowdfunding in einer Weise vertiefen lässt, die weit über das hinausgeht was Kundenbindungsprogramme wie Mile’s and More oder Payback aktuell leisten. Crowdfunding ist nicht nur eine Finanzierungsalternative, sondern grundsätzlich auch unter Marketing- und Vertriebsaspekten zu betrachten.

Crowdfunding verbindet und fordert Menschen im digitalen Zeitalter

Der Grad der Vernetzung, die Menge der gewonnenen Datenpunkte und die Rechnerleistungen nehmen exponentiell zu. Dies führt zu Umbrüchen, neuen Geschäftsmodellen und Veränderungen im Verbraucherverhalten. Die Marktteilnehmer sehen sich mit einem zunehmenden Maß an Unbeständigkeit, Unsicherheit und Komplexität konfrontiert.

Der Ökonom Lord John Eatwell hat das hohe Maß der Komplexität der Finanzmärkte schon 2011 als zentrales Problem identifiziert. In einem Interview mit der Brand Eins bemängelte er: „… der Weg vom Sparer zum Kreditnehmer ist sehr weit geworden. Wenn die Kette an einer oder mehreren Stellen reißt, gibt es eine Krise.“

Genau hier liefert Crowdfunding einen Gegenentwurf. Crowdinvestments sind direkte Investitionen ohne umverpackende Zwischenhändler. Trotz und gerade durch den digitalisierten Prozess sind es direkte Mensch-zu-Mensch-Investments. Das Vertrauen der Anleger in den Emittenten bildet hier die Grundlage, nicht das Vertrauen in einen Intermediär, eine Institution oder einen Algorithmus.

In den Schnittmengen der aufgezeigten Perspektiven liegen enorme Crowdfunding-Potentiale. Essenziell ist die Verständlichkeit der einzelnen Investmentangebote, um es Anlegern zu ermöglichen bewusst und eigenverantwortlich zu entscheiden. Denn trotz stetig wachsender künstlicher Intelligenz ist der Mensch auch zukünftig gut beraten, die Verantwortung darüber, was Geld bewirkt, nicht komplett abzugeben.

Der Artikel „Zukunftsperspektiven im Crowdfunding“ ist zunächst in der Fondszeitung 01/2018 „Trends & Märkte“ erschienen. Ein PDF der Fondszeitung kann kostenfrei per Mail angefordert werden: nadine.dost@welther-verlag.de

Titelfoto Artikel: Internetfund, der Urheber der digitalen Neuinterpretation von Caspar David Friedrichs Wanderer konnte leider nicht recherchiert werden