Im September 2018 fand in Berlin die „Dezentral“ Konferenz statt. Im Gastbeitrag berichtet Christin Friedrich, welche Themen die Blockchain Community bewegen und wohin sich der Markt entwickeln könnte. 

Autorin: Christin Friedrich

Aufbruchstimmung trifft Machermentalität an einem sonnigen, spätsommerlichen Donnerstag im Kosmos, dem ehemaligen DDR-Premieren-Kino, in der Karl-Marx-Str. in Berlin. Es herrscht eine offene und ausgelassene Atmosphäre bei der globalen Blockchain Konferenz Dezentral, die führende Blockchain Entwickler, Unternehmer und Interessierte zusammenbringt. Hier wird offen über den Status Quo, die Potentiale und Herausforderungen der Technologie diskutiert, die unser aller Leben verändern wird.

Die Dezentral ist eines der „Satellite Events“ der Berlin Blockchain Week, die rundum das Hauptevent ETH Berlin mit seinem Hackathon und Workshops ausschließlich von der „Blockchain Gemeinschaft“ organisiert und getragen wird. Dabei liegt der Fokus auf dem Austausch untereinander und der Weiterbildung ihrer Teilnehmer. Eine Vielzahl von dezentral organisierten Veranstaltungen von Token Engineering Workshops über Smart Contract Meetups und Community-Gettogether-Events fanden vom 5. bis 11. September 2018 im Rahmen ihrer ersten Auflage statt.

 

Blockchain Hub Berlin

Berlin hat sich in den vergangenen Jahren zum globalen Zentrum der Blockchain Gemeinde entwickelt mit seiner Vielfalt an Blockchain-Startups, führenden Branchenevents und Krypto-Coworking-Spaces. Das internationale, integrative Berlin scheint der perfekte Spielraum für die Entwicklungen einer technologischen Bewegung zu sein, in der Themen wie Datenschutz, Dezentralisierung oder Demokratisierung ohne Denkverbote analysiert und „Open Source“ neue Ansätze entwickelt werden.

 

Eintauchen in die Debatten der Blockchain Community

Das Programm der Dezentral war entsprechend vielfältig. Geteilt in einen Track „Continuity“ moderiert von Paul Kohlhaas (Linumlabs), in der mitreißende Key-Notes, Vorträge und Panels zu den aktuellen Themen, die die Blockchain Community bewegt diskutiert wurden. Sowie dem Track „Genesis“ moderiert von Achill Rudolph (Way Network), in dem Blockchain-Startups ihre neuesten Entwicklungen präsentierten. Die Teilnehmer kommen vom ganzen Globus und die Konferenzsprache ist selbstverständlich Englisch.

 

Vorsicht vor den Shitcoins

Ein heiß diskutiertes Thema war die Entwicklung der ICO- und Krypto-Landschaft. Meltem Demirors, Chief Strategy Officer der Krypto-Investment-Firma CoinShares aus London, präsentierte in ihrer Key-Note mit viel Leidenschaft und Sachverstand ihre Analyse der „Shitcoins“. Ein „Shitcoin“ ist vereinfacht ausgedrückt eine abwertende Bezeichnung für eine wertlose Kryptowährung. In ihrem Vortrag untermauert Meltem die Natur der menschlichen Gier und Investorenpsychologie, die den ICO-Hype zu Beginn des Jahres erst möglich machten und sowohl Anbieter als auch Investoren zu irrationalem und destruktivem Verhalten verführen.

Es ist zu viel „einfach-zu-habendes-Geld“ in Umflauf. So erhalten auch schlechte Projekte, die keinen wirklichen Wert generien, über ICOs Kapital; nicht zu vergessen, die zahlreichen Betrugsfälle (Scams). Investoren, die in solche Projekte investiert haben besitzen am Ende wertlose „Shitcoins“. Meltem warnt, dass aufgrund der Enttäuschungen, die bei Investoren entstehen, möglicherweise aussichtsreichen Projekten, die „echte“ Technologie der nächsten Generation bauen, der Nährboden entzogen wird. Sie appelliert daher an die Szene sich intensiv mit möglichen Gegenmaßnahmen, wie „Selbstregulierung“ auseinanderzusetzen.

Die vollständige Präsentation von Meltem Demiror „How to (Not) be a Shitcoin – What I’ve Learned About Markets, Psychology, and Value Creation” befindet sich auf Slideshare.

 

Security Token werden zum neuen (Standard-)Investmentvehikel

Auch Security Token wurden thematisiert und ausgiebig diskutiert. Security Token ähneln bekannten Investmentvehikeln wie Wertpapieren und können quasi jede Form von Finanzierungsinstrument via Blockchain Tokens abbilden, sodass diese an Börsen handelbar werden und ihren Investoren Liquidität ermöglichen.

In dem von Daniel Resas (SMP Law) moderierten Panel mit Gilberto Mokbel (COO bei GSR), Christopher Schütz (Head of Capital Markets bei der Security Token Börse DSTOQ) und Joyce Lai (Law & Technology beim Blockchain-Softwaretechnologie-Unternehmen Consensys) herrschte Einigkeit darüber, dass mittelfristig alle Assets über Security Token abgebildet werden. Dabei wurde vor allem der Wunsch nach mehr Klarheit in der Regulierung geäußert, um so die Potentiale dieses Finanzinstruments in der Breite zu heben. Es wurde positiv hervorgehoben, dass sich die Regulatoren, insbesondere auch die deutsche Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), bemühen Lösungen gemeinsam mit der Community zu entwickeln.

 

Nature 2.0 – Eine mögliche Vision der Zukunft

Eines der Highlights war sicherlich der Vortrag von Trent McConaghy, eine Koryphäe in der Blockchain Community, der mit seinen Projekten BigChainDB und Ocean Protokoll insbesondere die Weiterentwicklung der Verbindung von Blockchain und Künstlicher Intelligenz (KI) vorantreibt. Trent teilte seine Zukunftsvision von einer Nature 2.0, in der Gegenstände wie Autos sich selbst gehören, verwalten und das Geld, das sie einnehmen an die Gesellschaft zurückgeben. Grundlage dieser Vision ist die Kombination von KI und Blockchain, die eine Symbiose von Biologie und Maschinen ermöglicht und so in eine Zukunft des Überflusses (abundance) führt. Seine Ansätze boten viel Diskussionsstoff für die Pause. Für mehr Informationen empfiehlt sich Trents Medium Artikel zu dem Thema „Nature 2.0 – The Cradle of Civilization gets an Upgrade“.

 

Global Blockchain Community

Auch im letzten Panel des Tages zur „Global Blockchain Community“ wurde deutlich, dass Blockchain ein durch und durch globales Phänomen ist, in dem gerade auch in asiatischen Ländern wie China oder Südkorea viele Talente ihre Projekte vorantreiben. Lasse Clausen, Co-Founder des Frühphasen-Token-Investmentfund 1kx und Gastgeber der Dezentral, moderierte das hochkarätig besetzte Panel mit Blockchain-Enthusiasten wie dem in Berlin lebenden Schweizer Bryan Fabian Crane, Mitgründer des bekannten Epicenter Podcasts oder dem Chinesen Guo Chen, CEO des Blockchain Startups Neutral.

Es wurde mehrfach betont wie einzigartig und bedeutend das Berliner Ökosystem als einer der Blockchain Hubs in der Welt ist, in dem aktuell über 280 Blockchain Projekte ihr Zuhause haben. Und dass dieser Fakt eine große Chance für Deutschland und Europa bietet die Entwicklung dieser neuen Industrie nicht nur proaktiv mit zu gestalten, sondern voranzutreiben.

Insgesamt war die Dezentral eine gelungene, gut organisierte Konferenz mit großartigen Speakern. Es ist erfreulich zu sehen wie integrativ und konstruktiv die Blockchain-Community ist, immer mit einem Blick darauf, wie die Massenadoption der Blockchain-Technologie mit Verantwortung und Maß erfolgen kann. Zum Abschluss der Dezentral wurde noch ausgelassen genetworkt, bevor sich die meisten Teilnehmer zu einen der vielen (Abend)Events verabschiedet haben. Wir sind gespannt auf die rasanten Entwicklungen bis zur nächsten Berlin Blockchain Week, in Richtung eines Internets der Blockchains – dem Web 3.0.

Zur Autorin Christin Friedrich

Christin Friedrich ist Vorstandsvorsitzende des European Crowdfunding Networks (ECN) und leitet dort gemeinsam mit Dr. Conny Weber vom ECN die Arbeitsgruppe „Exploring Blockchain for Alternative Finance“. Sie ist Geschäftsführerin der 2011 gegründeten Crowdinvesting Plattform Innovestment, die sich aktuell auf einem rapide wandelnden Markt neu ausrichtet. Zudem ist Christin Mitglied im Ausschuss für Innovation & Technologie der IHK Berlin, in dem sie gemeinsam mit anderen Unternehmern eine Digitalisierungsstrategie für Berlin entwickelt.

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Fotos: Dezentral