Welche Faktoren sind ausschlaggebend für den Erfolg von wissenschaftlichen Crowdfunding-Projekten? Dieser Frage ist Prof. Dr. Mike S. Schäfer vom Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich (IPMZ) in einer Studie gemeinsam mit drei Kolleginnen nachgegangen. Für die Analyse wurden 371 wissenschaftliche Crowdfunding-Projekte von 11 verschiedenen Plattformen untersucht. 

crowdfunding.de: Welche Vorteile bietet ein Crowdfunding bei der Finanzierung wissenschaftlicher Projekte?

Prof. Dr. Mike S. Schäfer

Prof. Dr. Schäfer: Erstens kann man auf Crowdfunding-Plattformen auch kleine Summen einwerben – die meisten Projekte bekommen zwischen 3000 und 4000 Dollar. Das sind Summen, die man andernorts teils gar nicht so leicht beantragen kann oder bei denen sich der Aufwand eines Antrags bei etablierten Forschungsförderern nicht lohnt.

Zweitens haben bei Crowdfunding ja alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Möglichkeit, Geld einzuwerben, also auch junge Kolleginnen und Kollegen, die in manchen Ländern nicht so viele Geldquellen zur Verfügung haben.

Drittens sind die Erfolgsquoten hoch: Zwei Drittel der wissenschaftlichen Crowdfunding-Projekte sind erfolgreich, während es bei ‚normalen‘ Forschungsförderern höchstens 50%, meistens sogar deutlich weniger sind.

Und nicht zuletzt hoffen Befürworter, viertens, dass Crowdfunding einige Probleme des etablierten Förderungsbetriebs verringern könne: Dort seien die Förderungsquoten zu niedrig, Gutachter überfordert, Entscheidungen teils nicht nachvollziehbar, ausserdem würden ältere Forscher von etablierten Institutionen mit eher konventionellen Ideen bevorteilt. Crowdfunding, hofft man zumindest, könne das ändern.

In Ihrer Studie schreiben Sie von der Gefahr von „Panda Bear Science“. Was verbirgt sich dahinter?

Das ist ein Begriff, ein Vorwurf, den eine Autorin in der „Lancet“, einer hochrenommierten medizinischen Fachzeitschrift formuliert hat. Was gemeint ist: Die üblichen Mechanismen der Qualitätssicherung des Wissenschaftssystems sind bei Crowdfunding nicht mehr garantiert. Und wenn anonyme Internetnutzer dann über die Förderung von Projekten entschieden, dann wäre denkbar, dass eher „Panda Bear Science“ gefördert würde, also niedliche, ein grosses Publikum ansprechende, aber nicht unbedingt wissenschaftlich gehaltvolle Forschung.

Ein Teil der Kulturschaffenden steht Crowdfunding kritisch gegenüber, da sie sich dem Druck der Selbstvermarktung ausgesetzt sehen. Gibt es eine ähnliche Diskussion unter Wissenschaftlern?

Ja natürlich. Der Vorwurf der „Panda Bear Science“ ist dafür ja ein Ausdruck. Wissenschaft ist ein Geschäft der Experten, das davon lebt, dass die Qualität von Ergebnissen, Veröffentlichungen und eben auch Projektanträgen kritisch von Kolleginnen und Kollegen geprüft wird. Crowdfunding richtet nun einen Finanzierungskanal ein, der daran vorbei geht, und bei dem vielleicht Projekte belohnt werden, die sich gut darstellen, obwohl sie vielleicht gar nicht so viel zu bieten haben. Das sieht man auch kritisch.

Welches sind die wichtigsten Erfolgsfaktoren für Crowdfunding-Projekte im wissenschaftlichen Bereich?

Gefördert werden eher Projekte, die auf Plattformen präsentiert werden, bei denen es speziell um das Crowdfunding von Wissenschaft geht – Seiten wie experiment.com oder sciencestarter.de sind also weit lohnender für wissenschaftliche Antragsteller als themenübergreifende Plattformen wie kickstarter.com oder indiegogo.com.

Zudem ist wichtig, dass ein Projekt durch Bilder, Videos oder Animationen visualisiert und witzig präsentiert wird und dass Spender die Möglichkeit haben, mit den Forschern in Austausch zu treten. Schliesslich ist bedeutsam, dass schnell und einfach gespendet werden kann und die Spender nicht allzu viele persönliche Informationen dafür preisgeben müssen.

Zeichen wissenschaftlicher Qualität wie die akademischen Titel der Antragsteller, die Komplexität und Länge von Projektbeschreibungen, Auszeichnungen oder Testimonials renommierter Kolleginnen und Kollegen spielen für Erfolge im Crowdfunding unserer Studie zufolge dagegen keine messbare Rolle. Hat man sich als Wissenschaftler für eine Crowdfunding-Plattform entschieden, sind scheinbar andere Dinge wichtiger.

Wie erklären Sie sich, dass wissenschaftliche Projekte höhere Erfolgschancen haben wenn sie auf spezialisierten Plattformen laufen?

Zunächst mal findet man dort vermutlich ein interessierteres Publikum und muss zudem nicht mit Projekten aus anderen attraktiven Lebensbereichen konkurrieren. Es könnte auch an anderen Faktoren liegen, die wir in unserer Studie nicht messen konnten: Vielleicht sind diese Plattformen besonders gründlich bei der Betreuung, vielleicht auch der Qualitätssicherung der Projekte. Oder die Nutzer nehmen auf Seiten wie experiment.com einfach an – und möglicherweise ja sogar zu Unrecht – dass die wissenschaftlichen Projekte, die sie dort finden, von besserer wissenschaftlicher Qualität, vielleicht sogar irgendwie geprüft sind.

Inwieweit sehen sie Potential für Crowdfunding-Modelle im wissenschaftlichen Bereich, bei denen der Crowd zusätzlich ein konkreter Nutzen geboten wird? Also Projekte, bei denen die Crowd z.B. die gewonnenen Erkenntnisse für sich nutzen kann oder die Möglichkeit hat an einer kommerziellen Vermarktung der Forschungsergebnisse mitzuverdienen?

So genannte Perks bieten jetzt schon eine Reihe von Projekten an. Dabei geht es aber meistens um Dinge wie einen Besuch im Labor, eine Urkunde oder eine Erwähnung auf der wissenschaftlichen Publikation. Mehr können viele wissenschaftliche Projekte auch meist nicht bieten. In Bereichen, in denen klare, unmittelbare Anwendungen erkennbar sind wie den Ingenieurwissenschaften sind andere Crowdfunding-Modelle aber natürlich denkbar, und werden teils auch schon genutzt.

Welche Entwicklungen sehen Sie für die Zukunft von Crowdfunding als Finanzierungsalternative in der Forschung und im wissenschaftlichen Bereich?

Das wird mit Sicherheit zunehmen. In den letzten Jahren ist der Crowdfunding-Umsatz ja ingesamt massiv gewachsen, und das gilt auch für wissenschaftliche Projekte. Das wird zunächst mal weitergehen, da bin ich sicher. Ich werde es in Kürze auch mal probieren.

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg mit Ihrem Crowdfunding!

 
Weitere Informationen

Prof. Dr. Mike S. Schäfer
Mike Steffen Schäfer (* 7. Juni 1976 in Meißen) ist ein deutscher Kommunikationswissenschaftler und Soziologe. Er ist Professor am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung (IPMZ) der Universität Zürich, Direktor des Kompetenzzentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung CHESS und Mitglied im Beirat der Fachzeitschriften Public Understanding of Science, Environmental Communication und JCOM – Journal of Science Communication sowie mehrerer nationaler und internationaler Fachgesellschaften. Zudem ist Schäfer einer der Herausgeber der Oxford Encyclopedia of Climate Change Communication. (Wikipedia)
Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung, Universität Zürich

Selling science 2.0: What scientific projects receive crowdfunding online? (2016)
Für die Studie über Erfolgsfaktoren wissenschaftlicher Crowdfunding-Projekte wurden 371 Projekte untersucht. Verfasser: Mike S. Schäfer, Julia Metag, Jessica Feustle, Livia Herzog.
zum Download

About crowdfunding science and panda bears
Englischsprachiges Video über die zentralen Ergebnisse der Studie im „Public Understanding of Science“-Blog