„Crowdfinanzierte Startups haben es schwer eine Anschlussfinanzierung zu finden, da sich Folgeinvestoren nicht mit einer unübersichtlichen Menge an Kleininvestoren rumschlagen wollen.“

So lautete früher ein geläufiger Kritikpunkt zum Startup-Crowdinvesting, den die Plattformen seit Jahren argumentativ und mit überarbeiteten Investmentverträgen zu entkräften versuchen. Jetzt reißt ein aktueller Brandeins-Artikel alte Wunden auf. In der Oktoberausgabe des Wirtschaftsmagazin (10/2017) werden die Schwierigkeiten crowdfinanzierter Startups thematisiert.

Im Zentrum des Artikels steht ausgerechnet Foodist. Das Startup galt bislang als Vorzeigebeispiel dafür, wie ein für alle Beteiligten erfolgreiches Crowdinvestment aussehen kann.  Das auf Abo-Food-Boxen spezialisierte Unternehmen konnte in drei Investmentrunden in den Jahren 2013, 2014 und 2015 insgesamt rund 1,5 Mio. Euro von der Crowd einsammeln. Im August 2016 erfolgte dann der Exit. Foodist wurde an Ströer verkauft, die Crowdinvestoren wurden mit Renditen zwischen 19% und 92% ausgezahlt (lt. Exciting Commerce) und die Gründer blieben als Geschäftsführer an Bord. Nun heißt es im Artikel, dass die Gründer nicht noch einmal auf Crowdinvesting setzen würde.

Wie sieht es denn nun aus? Ist schwierige Anschlussfinanzierbarkeit ein wirkliches Problem oder ein reines Vorurteil von Unwissenden und  Venture Capital Firmen, die die Crowd nicht in den Markt lassen wollen?

Statements zum Startup-Crowdinvesting

Stimmen von Startups, Venture Capital Firmen, Business Angels, Plattformen wie Companisto, Seedmatch, aescuvest und FunderNation sowie dem Buchautor und Crowdinvesting-Experten Prof. Dr. Ralf Beck.


Die Statements sind 1:1 aus dem Brandeins Artikel übernommen. – zum Brandeins Artikel –
Alexander Djordjevic, Gründer Foodist
„Ich habe damals acht Monate lang nur Funding gemacht. Es gab viele gute Gespräche bis zu dem Punkt, wo das Crowdinvesting zur Sprache kam“
„Wir haben erklärt, dass wir der Crowd ein Angebot machen müssten, dass dann eine Abstimmungsphase von zwei Wochen folgt, und wenn die Eigentümer von 75 Prozent des investierten Kapitals zustimmen, dann darf verkauft werden. Aber VCs haben keine Lust auf so etwas. Die wollen schnelle Entscheidungen. Ja oder nein. Das Buzzword war ,Dealsicherheit‘. Kannst du den Deal garantieren? Sonst sind wir raus.“

Christian Nagel, Earlybird Venture Capital
zu den 2.399 Crowdinvestoren bei Foodist: „Das macht die Sache mitunter sehr komplex. Die Frage ist dann, wie setze ich Ziele durch? Muss ich eventuell einen Juristen involvieren? Wie schnell können Entscheidungen getroffen werden? Es muss daher viele gute Gründe für ein Start-up geben, die den hohen Verwaltungsaufwand rechtfertigen.“
„Die Gesellschafterstruktur ist bei solchen Unternehmen meist nicht ideal“
„Je kleinteiliger es wird, desto mühsamer.“

Jonathan Becker, e.ventures
„Kommt es eines Tages zum Verkauf, erhält die Crowd immer als Erstes ihr Geld zurück. Andere Investoren, die später und zu höheren Bewertungen als die Crowd investiert haben, könnten dann schon mal leer ausgehen.“

Peter Möllmann, Kanzlei SMP (hat den Verkauf von Foodist begleitet)
„Eine der Herausforderungen war, dass wir es nicht mit einem einheitlichen Vertragswerk zu tun hatten, sondern mit Hunderten Verträgen und Vertragspartnern. Das hat die Komplexität der Übernahme erhöht.“


Positive Stimmen von Startup-Unternehmern und Investoren (z.T. aus Veröffentlichungen der Plattformen übernommen)
Albrecht Metter, Gründer AMERIA
„Für AMERIA ist Crowdinvesting eine ideale Lösung um neben wirtschaftlichen Mitteln auch viel Aufmerksamkeit zu generieren. Der Erfolg hat sich schon nach der ersten Kampagne 2016 gezeigt. Aus diesem Grund haben wir uns 2017 für eine weitere Investitionsrunde entschieden“

Daniel Tykesson, Gründer Kumpan Electric
„Der Plan, einen Teil von Kumpan Electric über die Crowd zu finanzieren, ging für uns auf“
„Neben großen Investoren haben wir auf die Crowd gesetzt und sind nicht enttäuscht worden, der Mix hat gut zu uns gepasst.“

Dr. Tobias Engelhardt, Business Angel
„Insgesamt halte ich Crowdinvesting gerade wegen der Venture-Capital-Lücke in Deutschland für eine valide Alternative.“


Statements der führenden deutschen Startup-Crowdinvesting Plattformen auf die Frage: „Eignen sich crowdfinanzierte Startups zur Anschlussfinanzierung?“
David Rhotert, Geschäftsführer Companisto
„Crowdinvesting tritt nicht in Konkurrenz zu den klassischen Wagniskapitalgebern, sondern ergänzt die Branche um eine Alternative in der Frühphasenfinanzierung. Unsere tägliche Erfahrung bestätigt das, auf Companisto sind beispielsweise über 85 Prozent aller Startups co-finanziert. In den letzten Monaten haben wir unsere Beziehungen zu VC-Gesellschaften und Business Angels deshalb weiter ausgebaut, so zum Beispiel im Fall Replicate / NDI AG.“

Johannes Ranscht, Geschäftsführer Seedmatch
„Absolut. Durch unsere standardisierten Verträge haben wir eine Einheitlichkeit geschaffen, die für Business Angels, VCs oder institutionelle Kapitalgeber schnell verständlich wird. Das führt dazu, dass beinahe jedes unserer Unternehmen einen zusätzlichen externen Kapitalgeber mit an Bord hat. Das Luftfahrt-Startup Volocopter beispielsweise hat vor kurzem eine Finanzierung über 25 Millionen Euro mit dem Stuttgarter Autokonzern Daimler, dem Berliner Technologieinvestor Lukasz Gadowski und weiteren Investoren abgeschlossen.
Ich würde sogar soweit gehen, dass Fundings auf Seedmatch von institutionellen Investoren bewusst beobachtet werden. Erst vor kurzem erreichte uns die Nachricht, dass Rodos Biotarget über die Seedmatch-Kampagne Ende 2016 nicht nur einen CEO als Crowdinvestor sondern auch ein halbes Jahr später als Business Angel gewinnen konnte. Das Beispiel zeigt, dass eine Seedmatch-Kampagne oftmals der Grundstein für eine erfolgreiche Anschlussfinanzierung ist. Ein Crowdfunding wird so zum Türöffner für weitere Finanzierungen.“

Dr. Patrick Pfeffer, Geschäftsführer aescuvest
„Beim Thema Finanzierung lässt sich die Welt nicht in schwarz und weiß einteilen. Jedes Startup sollte sich von Anfang an Gedanken über notwendige Folgefinanzierungen machen und darauf achten, ob eine Finanzierung über die Crowd diesen im Weg stehen könnte. Die Verträge der diversen Plattformen bieten dabei unterschiedliche Gestaltungsspielräume. aescuvest hat bislang gute Erfahrungen gemacht: Bei ello ist nach dem Crowdfunding ein Business Angel eingestiegen, der erst durch die Kampagne auf das Unternehmen aufmerksam geworden ist. Bei Rodos Biotarget haben im Laufe der Kampagne Business Angel und VC Fonds parallel 800.000 € ins Unternehmen gesteckt und darüber hinaus sind öffentliche Fördergelder ins Unternehmen geflossen. Die Crowd war hier offensichtlich kein Hindernis. Insgesamt sehen wir vor allem bei Business Angels ein zunehmendes Interesse an Co-Investitionen und auch VCs haben die Vorteile erkannt, die eine Crowdfunding-Kampagne für die Unternehmensentwicklung mit sich bringt.“

Uli W. Fricke, Geschäftsführerin FunderNation
„Letztendlich kommt es bei der Frage der Anschlussfinanzierung vor allen Dingen auf die Qualität der Verträge für das Crowdfunding an. Und für diese gilt das gleiche wie für die Verträge aller anderen (wie z.B. Business Angel) Investoren: sind die Verträge gut durchdacht und berücksichtigen auf angemessene Weise Bedürfnisse der Crowdinvestoren, des Unternehmens und möglicher Anschlussinvestoren können viele der potentiellen Hürden von vorne herein aus dem Weg geräumt werden. Hierbei hilft es, wenn es bei der Plattform umfangreiche Erfahrung im Hinblick auf die Wirkung von Investmentverträgen und die typischen Dynamiken bei Anschlussfinanzierungen und Exit gibt.“


Statement von Prof. Dr. Ralf Beck auf die Frage: „Wie ist Ihre Meinung zum Thema Startups und Anschlussfinanzierung?“. Er ist Autor des Buches ‚Crowdinvesting – die Investitionen der vielen‘ und Betreiber der Crowdinvesting-Plattform Geldwerk1.
Prof. Dr. Ralf Beck
„In der Anfangszeit des Crowdinvestings waren die Verträge zwischen Startups und Crowdinvestoren noch nicht auf Anschlussfinanzierungen eingestellt, so dass es teils zu Schwierigkeiten bei späteren Finanzierungsrunden kam, an denen andere Kapitalgeber beteiligt waren. Das ist inzwischen anders. Die mittlerweile recht häufig erfolgten Anschlussfinanzierungen bei Crowdinvesting-Startups zeigen, dass die Sache funktioniert. Dennoch gibt es immer noch potenzielle Anschlussfinanzierer, insb. Business Angel und Venture-Capital-Geber, die vehemente Kritik üben, was allerdings zumeist auf mangelndem Wissen über die Mechanismen des Crowdinvestings basiert.

Obgleich die Crowdinvestoren keine Mitsprache- oder Stimmrechte haben, verlangt manch ein Anschlussfinanzierer, dass die Crowdinvestoren vor seinem Hinzukommen aus seiner Zielgesellschaft verschwinden. Die Erklärung dafür: Er möchte mit möglichst wenigen Konkurrenten am Fleischtopf sitzen, wenn er ein Unternehmen erwirbt, zumal die früh eingestiegenen Crowdinvestoren nicht selten recht gute Konditionen haben, die das Risiko ihres frühen Einstiegs widerspiegeln.

Zu Beginn des Crowdinvestings abgeschlossene Poolingvereinbarungen zwischen Crowdinvestoren und Startup stellen sicher, dass die Crowd geschlossen aus dem Startup herausgeht, wenn sich eine zuvor festgelegte Mehrheit findet, die bei 50%, aber auch bei einem höheren Prozentsatz, liegen kann. Wenn den Crowdinvestoren das Abfindungsangebot zu niedrig erscheint, wird sich diese Mehrheit nicht ergeben. Bei bisherigen Abfindungsangeboten hat sich die Crowd in den meisten Fällen allerdings mehrheitlich für die Annahme des Ablöseangebotes entschieden und damit den Weg für andere Finanzierer oder Übernehmer frei gemacht. Manchmal waren es aber auch Abfindungsangebote der Gründer, die die Crowd wieder aus ihrem Unternehmen herauskaufte.

Meine Einschätzung: Obgleich manch ein Anschlussfinanzierer oder Übernehmer nicht zum Zuge kommt, und sich dann hinterher beschwert, funktioniert die Anschlussfinanzierung bei Crowdinvesting im Großen und Ganzen gut. Die Gründe für ausbleibende Anschlussfinanzierungen werden in den weitaus meisten Fällen darin liegen, dass sich die betroffenen Startups nicht gut genug entwickeln.“

Top oder Flop: Es gibt keine Schwarz-Weiß Antwort

Die Crowdinvesting-Verträge haben sich in den letzten Jahren deutlich weiterentwickelt. Mittlerweile gibt eine Vielzahl crowdfinanzierter Startups, die gelungene Anschlussfinanzierungen vorweisen können. Dass es dennoch zu Schwierigkeiten und Friktionen kommen kann, wird durch die Statements vom Foodist Geschäftsführer im Brandeins Artikel deutlich.  Auch wenn sich hier die Frage stellt, ob das Startup ohne Crowd überhaupt finanziert geworden wäre und warum – trotz all der im Artikel herausgestellten Nachteile – gleich drei Crowdfinanzierungsrunden durchgeführt wurden.

Von „I hate crowdinvesting!“ zu Co- und Crowdinvestments 
Der aus „Die Höhle der Löwen“ bekannte Serieninvestor Frank Thelen sagte 2014 in einem Für-Gründer Interview: „I hate crowdinvesting!“. Sein damaliger Hauptkritikpunkt war die komplizierte Anschlussfinanzierung. Mittlerweile haben sich 3 Startups aus dem Portfolio von Thelen auch über die Crowd finanziert (Meine Spielzeugkiste, Von Floerke, Little Lunch).

Ergänzender Hinweis (nachträglich am 25.10.17 eingefügt): Bei Floerke und Little Lunch hat die Crowd sogenannte „Venture Loans“ vergeben. Diese werde mittlerweile von vielen Plattformen angeboten. Da hier es sich hier um kein Beteiligungsmodell handelt, ist das Thema Anschlussfinanzierung in diesen Fällen unkomplexer. Siehe Kommentar vom 24.10. unter dem Artikel.

Was heißt das für Startup-Unternehmer?

Eigenes Verständnis und Haltung entwickeln
Unternehmer die über eine Crowdfinanzierung nachdenken, sollten unbedingt ein eigenes Verständnis entwickeln und sich nicht zu sehr von Einzelstatements, Werbeprospekten der Crowdfunding-Plattformen oder Versprechen anderer potentieller Geldgeber leiten lassen. Jeder Gründer sollte die entsprechenden Investmentverträge vollumfänglich verstehen. Falls man sich hier als Gründer überfordert fühlt, ist es ratsam sich vorab von einer unabhängigen Stelle beraten zu lassen.

Weitere Besonderheiten beachten
Bei der Suche nach dem passenden Finanzierungsweg müssen weitere Aspekte in die Abwägung einbezogen werden, wie z.B. Kosten, Aufwand und Öffentlichkeitswirksamkeit. Hier gibt es crowdspezifische Vor-und Nachteile. Eine Crowdfinanzierung stellt mit Sicherheit nicht für jedes Startup den bestmöglichen Finanzierungsweg dar. Aber dass Crowdfunding mittlerweile eine relevante und professionell umsetzbare Finanzierungsalternative für Startups ist, lässt sich 2017 nicht mehr ernsthaft in Abrede stellen.

 

Weitere Links und Informationen

 

Artikel-Update am 25.10.17: Ergänzender Hinweis zu Venture Loans beim Punkt „I hate crowdinvesting!“ / zusätzliches Plattform-Statement von Uli W. Fricke (FunderNation) eingefügt