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9. ECN Crowdcon 2020

Chancen und Herausforderungen für die europäische Crowdfunding-Industrie in der neuen Dekade

Die europäische Crowdfunding-Branche verschmilzt zu einem harmonisierten Markt – mit großen Auswirkungen darauf, wie Unternehmen Kapital aufnehmen und Investoren Zugang zu Investitionsmöglichkeiten erhalten. Die Chancen und Herausforderungen, die sich daraus ergeben, standen auch im Mittelpunkt der 9. ECN Crowdfunding Convention 2020 (ECN CrowdCon). Der Artikel von Andrè Jasch gibt Ihnen einen ausführlichen Bericht.
Von André Jasch am 03. Februar 2021

Die ECN CrowdCon wird jährlich vom European Crowdfunding Network (ECN) veranstaltet und ist die wichtigste Konferenz der europäischen Crowdfunding-Branche. Auf der 9. ECN CrowdCon drehte sich alles um die Markttrends der europäischen Crowdfunding-Industrie, die Möglichkeiten der potenziellen Krypto-Asset-Regulierung und die Auswirkungen der harmonisierten europäischen Regulierung und deren Umsetzung in den einzelnen Mitgliedstaaten.

In diesem Jahr wurde die ECN CrowdCon aufgrund der anhaltenden Corona-Pandemie digital durchgeführt. Innovestment war auch aktiv durch unsere CEO Christin Friedrich vertreten, die auch Vorsitzende des ECN Non-Executive Board ist und das Markttrend-Panel am ersten Tag moderierte. Es gab viele spannende Referenten und eine fruchtbare Diskussion sowie einen Austausch von Best Practices. Im folgenden gehen wir auf die einzelnen Konferenztage detailliert ein.

Trends: „The European Crowdfunding industry – Where do we stand and where are we going?“

15. Dezember

Die diesjährige CrowdCon wurde eröffnet durch den ECN-Chairman Oliver Gajda, der die Referenten begrüßte und die Agenda der folgenden Tage vorstellte. Anschließend moderierte Innovestment-CEO Christin Friedrich das Panel zum Thema Markttrends. Das Panel fokussierte sich auf den derzeitigen Stand der Branche und eine mögliche künftige Entwicklung. Als Panelisten waren eingeladen:

  • Armando Melone, Politischer Referent in der Europäischen Kommission
  • Jeff Lynn, Chairman von Seedrs
  • Liza Aizupiete, Managing Director von Fintelum
  • Matthias Klaes, Chief Scientific Officer beim ECN

Das Panel begann mit einer kurzen Vorstellungsrunde. Jeff Lynn war aus den USA zugeschaltet. Er ist Mitbegründer der auf Eigenkapitalfinanzierungen spezialisierten britischen Plattform Seedrs. Seit 2012 konnte Seedrs, einer der Pioniere der Branche, knapp eine Milliarde Euro Kapital in rund 1.200 Finanzierungsrunden für Startups bereitstellen. Seedrs sorgte kürzlich für Furore in der Branche, als das Unternehmen den geplanten Zusammenschluss mit dem Konkurrenten Crowdcube bekanntgab.

Danach stellte sich Liza Aizupiete vor. Sie ist Managing Director von Fintelum, einer Crowdfunding-Plattform, auf der Investorinnen und Investoren auch mittels Kryptowährungen in Unternehmen investieren können. Matthias Klaes war als Chief Scientific Officer des ECN als Vertreter der Wissenschaft mit an Bord. Als Professor an der Universität in Buckingham hat er zahlreiche Publikationen zu Fragen von Transaktionskosten, Marktsteuerung und Innovation veröffentlicht.

Als Vertreter der EU-Kommission war Armando Melone anwesend. Er ist politischer Referent in der Generaldirektion für Binnenmarkt, Industrie, Unternehmertum und KMU der EU-Kommission und seit mehr als fünf Jahren unter anderem für die Entwicklung von Strategien für alternative Finanzierungsquellen, insbesondere Crowdfunding und Risikokapital, zuständig. Die erste zentrale Frage lautete: Wie hat sich die Crowdfunding-Industrie in den letzten Jahren entwickelt? Aus Sicht von Armando Melone hat sich die Branche aus ihrer Nische befreit und ist nun ein wichtiger Baustein bei der Unternehmensfinanzierung geworden. Kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) hätten durch Crowdfunding besseren Zugang zu den Kapitalmärkten.

„Wir haben in den letzten 10 Jahren viel gesehen. Am Anfang wurde Crowdfunding als ein kleiner und nicht konsolidierter Markt gesehen. Jetzt ist es zu einem kohärenten Markt gewachsen, was mit der Harmonisierungsinitiative deutlich wurde. Jetzt ist es zu einem Herausforderer der traditionellen Finanzierung geworden. Wir sind mit dieser Entwicklung sehr zufrieden und beobachten sie genau.“

Die EU-Kommission nehme diese Entwicklung sehr ernst. Das zeige sich vor allem an der kürzlich verabschiedeten Regulierung. Das Gesetzespaket namens „European Crowdfunding Service Provider“ (ECSP) gibt der Branche europaweit einheitliche Standards und wird so für neue Wachstumsimpulse sorgen, da Plattformen nun europaweit Unternehmen finanzieren und Investorinnen und Investoren adressieren dürfen.

Auch Jeff Lynn sah die Entwicklung der Branche insgesamt sehr positiv. Er ging in seiner Beschreibung der derzeitigen Lage aber sogar noch einen Schritt weiter. Crowdfunding habe sich nicht nur zur alternativen Finanzierungsform für Unternehmen entwickelt, sondern sei sogar schon „Mainstream“.

Matthias Klaes untermauerte die positive Entwicklung der Branche mit wissenschaftlichen Fakten. Er zeigte auf, dass das Wachstum der europäischen Crowdfunding-Branche inzwischen nicht mehr nur von Großbritannien getrieben werde, sondern andere Länder aufholten. Während vor drei Jahren der Marktanteil britischer Plattformen noch 78 Prozent ausmachte, seien es heute nur noch 60 Prozent, da sich der Anteil Kontinentaleuropas fast verdoppelt habe. Besonders die skandinavischen Länder, Frankreich, Deutschland und die Benelux-Staaten waren hierfür ausschlaggebend.

Das führte die Anwesenden gleich zur nächsten Frage: Wie kann sich die Branche in Zukunft entwickeln? Alle Beteiligten waren sich einig, dass noch viel Arbeit vor der Industrie liege. Zwar sei es durch Crowdfunding gelungen, eine vormals nur für professionelle Investoren erreichbare Anlageklasse einem breiteren Publikum zu öffnen. Doch noch immer liege bei der Anzahl privater Investorinnen und Investoren in der Unternehmensfinanzierung viel ungenutztes Potenzial.

9th ECN CrowdCon, Day 1, Trends - where do we stand and where are we going?

Um dieses Potenzial voll auszuschöpfen sei eine enge Zusammenarbeit zwischen Gesetzgebern und Branchenvertretern unerlässlich, betonte das Panel. Oftmals sei es schwierig für junge Unternehmen, in dem bestehenden Gesetzesrahmen innovativ zu sein. Viele Gesetzgeber sind zu unflexibel, die Rahmenbedingungen schnell an sich ändernde Verhältnisse anzupassen. Die gute Zusammenarbeit des ECN mit den Europäischen Institutionen in den letzten Jahren hat hier einen neuen Weg aufgezeigt.

„Wir sahen einen Wandel auf politischer Ebene, einen Generationswechsel, der die Arbeit mit politischen Entscheidungsträgern viel einfacher machte. Jetzt gibt es eine Ebene des Verständnisses für unsere onlinebasierten Geschäftsmodelle. Knifflig wird es, wenn die politischen Entscheidungsträger es an die Aufsicht übergeben. Ich bin mir nicht so sicher, ob sich diese Abteilungen auf die gleiche Weise modernisiert haben. Manchmal fallen sie immer noch auf ihre alten Wege zurück.“ Jeff Lynn

Ein wichtiger Trend der kommenden Jahre könnten Zweitmärkte für Crowdfunding sein. Dort könnten Investorinnen und Investoren, so die Idee, ihre erworbenen Unternehmensanteile untereinander handeln. Lange war dies nicht möglich und regulatorische Bedingungen zu restriktiv. Über vereinfachte Inzwischen gibt es Versuche, Zweitmärkte durch simple Foren, sogenannte „bulletin boards“, auf Crowdfunding-Seiten zu ersetzen. Viele Plattformen seien zunächst selbst skeptisch gewesen, ob es genug Interesse auf der Käuferseite für die Anteile geben würde. Doch inzwischen gibt es wieder Optimismus, dass ein Zweitmarkt auch im Crowdfunding Liquidität bereitstellen könnte:

Es ist allgemein anerkannt, dass Zweitmärkte wichtig sind, um einen illiquiden Markt mit Liquidität zu versorgen. Aber bestehende Gesetze sind nicht ohne Grund da. Um Käufer und Verkäufer im Crowdfunding über einen Zweitmarkt besser miteinander zu verknüpfen, wird es eine Art kreative regulatorische Lösung geben. Vorher wird der Markt aber unter ECSP noch beweisen müssen, das er entsprechende transaktions Volumen auch generieren kann.“

Liza Aizupiete sah einen möglichen Ausweg aus dieser Sackgasse in kryptobasierten Crowdfunding-Modellen. Durch die Tokenisierung von Anteilen sei es einfacher möglich, eine Handelbarkeit herzustellen. Die Fintelum-Chefin sieht keinen Weg daran vorbei, denn die Technologie sei vorhanden und die Nachfrage der Anlegerinnen und Anleger groß:

„Wir leben in einer Zeit, in der Privatinvestorinnen und -investoren mehr und mehr an Macht gewinnen. Das Bankensystem mit einem zentralisierten Börsensystem wird weniger relevant und ein dezentrales Peer-to-Peer-System wird immer wichtiger. Wir sehen unsere Rolle darin, den Anlegern die technischen Werkzeuge für dieses Selbstermächtigung zu geben.“

Alle Panelisten blicken sehr hoffnungsfroh in die Zukunft der Branche und freuen sich schon jetzt auf das Wachstum, dass durch die neue EU-Regulierung ausgelöst wird und darauf, dass Crowdfunding ein wichtiger Bestandteil der KMU-Finanzierung wird. Auch Armando Melone zeigte sich „sehr optimistisch für die Zukunft der Branche“. Und Liza Aizupiete gab gleich das nächste große Ziel vor:

„Unsere Zukunft ist rosig. Wir wollen irgendwann auf Augenhöhe mit Venture Capital sein.“

"MiCA: An new horizon for crypto assets – what does it offer to the crowdfunding industry?"

16. Dezember

Beim zweiten Panel der CrowdCon drehte sich alles um Kryptowährungen und die neue EU-Regulierung MiCA, die der Branche den langersehnten rechtlichen Rahmen gab. Das Panel wurde moderiert durch Ivona Skultetyova vom ECN. Als Panelisten waren geladen:

• Hagen Weiß, Politischer Referent beim Bundesministerium für Finanzen
• Nathan Kaiser, General Counsel bei SIX Digital Exchange
• Michael Huertas, Co-Head für Financial Institutions Regulations bei Dentons
• Greta Gaumert, Chief Compliance Officer von Exporo

Die Runde stellte sich zunächst kurz vor. Hagen Weiß war als Vertreter der Gesetzgeber dabei. Er arbeitet für das Bundesfinanzministerium. Er ist dort im Bereich Digitale Finanzierungen, Zahlungsdienstleistungen und Cybersecurity tätig und unter anderem mitverantwortlich für die Erarbeitung einer Krypto-Regulierung. Zuvor war er bereits bei der Bundesaufsicht für Finanzdienstleistungen (BaFin) tätig und sammelte Erfahrungen als Rechtsanwalt.

Nathan Kaiser war als ein Vertreter der Kryptobranche anwesend. Er arbeitet für SIX Digital Exchange, die der erste vollständig regulierte Kryptoanbieter wollen werden. Greta Gaumert arbeitet für die deutsche Crowdfunding-Plattform Exporo und ist dort zuständig für Compliance. Und schließlich war noch Michael Huertas, Partner bei der größten globalen Wirtschaftskanzlei Dentons, mit an Bord.

Zunächst ging es um den derzeitigen Stand der Branche. Exporo, die größte Crowdfunding-Plattform in Deutschland mit Fokus auf Immobilien, nutzt mittlerweile die Ethereum-Blockchain, um digitale Anleihen auszugeben. Greta Gaumert unterstrich die Vorteile dieser Technologie. Die Abwicklung und der Handel der Anteile laufe schneller und einfacher ab, es gäbe weniger Intermediäre, geringere Depotkosten und alles in allem mehr Effizienz für Finanzdienstleistungen. Die Effizienz sah auch Michael Huertas als Haupttreiber der Innovationen im Blockchain-Bereich der letzten Jahre.

„Schneller, billiger, besser ist mit der derzeitigen Struktur einfach nicht möglich. Es ist ein Infrastrukturproblem. Die Privatwirtschaft wird dieses Problem aufgreifen, davon bin ich überzeugt. Aber der regulatorische Rahmen ist auch Teil dieses Infrastrukturproblems.“
Hagen Weiss griff den Ball als Vertreter der Regulierungsseite auf. Krypto-Vermögenswerte hätten den Gesetzgeber vor ein Problem gestellt, in dem sie die bestehende Regulierung unbrauchbar gemacht hätten. Das haben den Handlungsdruck auf die Behörden und Ministerien erhöht, die Gesetze der aktuellen Marktsituation anzupassen.

Michael Huertas ergänzte, dass es im Kryptobereich nicht nur um „schneller, besser und günstiger“ gehen dürfe, sondern auch um „sicherer“. In der Vergangenheit habe es viele Betrugsfälle in dem Bereich gegeben. Und daher müsse die Regulierung eben auch die Kundinnen und Kunden schützen und einen sicheren Rahmen bereitstellen. In diesem Licht müsse man auch die EU-Regulierung „Markets in Crypto-Assets“ (MiCA) begreifen. Im Kern sieht die Regulierung vor, dass die meisten Krypto-Vermögenswerte als Wertpapiere zu klassifizieren seien und damit unter die bestehenden Wertpapiergesetze fallen.

Es wird erwartet das MiCA gegen 2024, nach weiteren Verhandlungen in Brüssel, in Kraft treten wird. Das gäbe der Branche zwar endlich europaweite Rechtssicherheit, legt die regulatorischen Hürden jedoch auch sehr hoch an. Federführend bei der Ausarbeitung waren die deutschen Gesetzgeber. Hagen Weiß versicherte der Branche jedoch, dass der Gesetzgeber das Thema ernst nehme und der Industrie wohlwollend gegenüber stehe. Der schmale Grad in der Regulierung liege darin, Innovation und Effizienz zu ermöglichen und zugleich Verbraucherschutz zu gewährleisten.

„Wir werden die Branche und die Verbraucher schützen. Wir möchten ein sicheres Umfeld für die Ausgabe von stabilen „Coins” (digitale Münzen) schaffen. Seien Sie versichert, dass sowohl die deutsche Regierung als auch die EU-Regierung in dieser Angelegenheit die besten Absichten haben und nicht beabsichtigen, irgendwelche Marktteilnehmer zu erdrücken.“ Hagen Weiß

Für die Zukunft der Krypto-Branche herrschte viel Optimismus. Die Krypto-Branche habe Privatpersonen Zugang zu neuen Anlageklassen geschaffen und den Markt effizienter und kostengünstiger gemacht. Der nächste Schritt sei eine Professionalisierung der Branche und die EU-Regulierung sei ein wichtiger Baustein dafür. In wenigen Jahren, so die Hoffnungen, würden Kryptowährungen und damit verbundene Investitionen nicht mehr als kleiner und obskurer Teil der Finanzbranche angesehen, sondern immer mehr in den „Mainstream“ einfließen.

„Es gibt eine unumstößliche Wahrheit: Krypto ist zu groß, um es zu ignorieren.“ Michael Huertas

„From Brussels to national implementation – can the industry help 'harmonisation' to thrive?“

17. Dezember

Der dritte Tag der CrowdCon drehte sich um die Auswirkungen der EU-Regulierung „European Crowdfunding Service Provider“ (ECSP). Die nun beschlossene Regulierung wird ab November 2021 in den Mitgliedsstaaten umgesetzt, mit einer einjährigen optionalen Nachfrist für Mitgliedstaaten mit bestehenden Crowdfunding-Regulierungen. Das Panel diskutierte den Gesetzestext und diskutierte mögliche Effekte auf den Crowdfunding-Markt. Pascal Ouvrard, International Development & HR Direktor von der französischen Crowdfunding-Plattform October und Mitglied der ECSP-Arbeitsgruppe im ECN moderierte das Panel. Als Panelisten waren anwesend:

• Delphine Dirat, Head of Issuer Policy bei der französischen Finanzaufsicht AMF
• Diego Valiante, Leitender Mitarbeiter bei der Generaldirektion für Finanzstabilität, Finanzdienstleistungen und Kapitalmarktunion (FISMA) der EU-Kommission
• Jeff Lynn, Chaiman von Seedrs
• Umberto Piattelli, Partner und Head of Financial Services Sector bei Osborne Clarke

Die Eröffnungsrede hielt Diego Valiente. Er ist Leiter des Bereichs Finanzmärkte und Institutionen am Centre for European Policy Studies (CEPS) und dem European Capital Markets Institute (ECMI). Er ist außerdem Mitglied der Gruppe ökonomischer Berater (GEA) der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA).
Diego Valiente stellte ECSP vor und erklärte auch, wie der langjährige Prozess zur Erarbeitung ablief. ECSP fokussiert sich explizit auf Crowdinvesting und Crowdlending, also auf digitalen Finanzierungen, bei denen festverzinste Darlehen oder handelbare Wertpapiere zum Einsatz kommen. Nicht darunter fallen dagegen Zahlungsabwicklungen und Vermögensverwaltung.

Im Kern der ECSP-Regulierung steht die Harmonisierung des EU-Marktes. Europäische Crowdfunding-Plattformen benötigen künftig nur noch einer ECSP-Lizenz ihres Heimatlandes, um dann auch in den anderen EU-Ländern aktiv werden zu können. Sie können dann sowohl Unternehmen aus anderen EU-Staaten finanzieren als auch Investorinnen und Investoren aus diesen Ländern adressieren. Darüber hinaus soll fortan eine einheitliche Finanzierungshöhe gelten. Künftig können Plattformen bis zu 5 Millionen Euro pro Jahr und Projekt prospektfrei einwerben (zum Vergleich: in Deutschland sind es derzeit 6 Millionen Euro).

ECSP sieht auch Regelungen für einen limitierten Zweitmarkt vor. Demnach dürfen potentielle Käufer und Verkäufer über die Plattformen in Kontakt treten, die Plattformen dürfen aber keinen Matching-Mechanismus anbieten, der die beiden Seiten zusammenbringt und in einem Vertragsabschluss resultiert. Zudem enthält ECSP diverse Vorgaben zu Marketing-Kommunikation, Investorenschutz und Berichtspflichten der Unternehmen. Eine wichtige Information für bestehende Plattformen betraf die Registrierung unter der neuen Regulierung. Da sie bereits bei ihrer jeweiligen Aufsichtsbehörde registriert sind, müssen sie nur einige Informationen nachreichen, wenn ECSP in ihrem Land verabschiedet wurde. Eine komplette Neuregistrierung sei dagegen nicht notwendig, betonte Diego Valiente.

ECSP wurde nicht im Alleingang der EU-Kommission beschlossen, sondern im engen Austausch mit Vertretern der Branche, Aufsichtsbehörden der verschiedenen Länder und unabhängigen Experten. Dazu zählte auch Umberto Piattelli, Experte für Finanzmarktregulierung und Partner bei der Wirtschaftskanzlei Osborne Clarke in Italien. Er beriet die EU-Kommission bei der Erarbeitung der nun verabschiedeten Regulierung. Ebenfalls eng in den Prozess eingebunden war Delphine Dirat von der französischen Finanzaufsicht AMF.

Es bleibt abzuwarten, wie die einzelnen Mitgliedsstaaten ECSP in nationales Recht umsetzen. Schon jetzt zeichnen sich einige Konflikte mit bestehenden Gesetzen ab, die kreative Lösungen erfordern. Das bremst ein wenig die sonst herrschende Vorfreude bei Plattformbetreibern. Jeff Lynn fürchtet, dass die Umsetzung dazu führen könnte, dass das Gesetz nicht den gewünschten Effekt haben könnte.

„Auf einer theoretischen Ebene wissen wir, dass ECSP als Verordnung die nationale Verordnung übertrumpft. Aber es gibt mögliche Konflikte mit bestehenden nationalen Gesetzen. Ist ECSP also ausschließlich in solchen Fällen anwendbar?“

Delphine Dirat versuchte diese Zweifel auszuräumen. Nach ihrem Verständnis werde ECSP an die Stelle nationaler Gesetzgebung treten. Sie sehe zwar auch mögliche Konflikte zwischen nationalen und europäischen Regulierungen, glaube aber, dass die Details der Verantwortlichkeit in den nächsten Monaten klarer werde. Eine Änderung nationaler Gesetze sei daher unausweichlich.

Fazit

Die ECN CrowdCon bot allen Crowdfunding-Enthusiasten einen spannenden Blick hinter die Kulissen. Die Panels waren mit hochkarätigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern sowohl aus der Branche als auch aus den wichtigsten Regulierungsbehörden besetzt. Wenn die Inhalte auch teils sehr technischer Natur waren – etwa wenn es sehr ins Detail der aktuellen Gesetzeslage ging – boten die Panels dennoch spannende Diskussionen und einen fundierten Ausblick auf künftige Trends im Crowdfunding- und Krypto-Bereich.

Die ECN CrowdCon unterstrich einmal mehr, wie wichtig ein konstruktiver Dialog zwischen Gesetzgebern und Marktteilnehmern ist. Die Beziehungen zwischen der Industrie und der Politik sind in den letzten Jahren der Aktivität auf europäischer und nationaler Ebene sehr gewachsen. Die Politik hat die Notwendigkeit eines kontinuierlichen Austauschs erkannt, da sie die Marktexpertise nicht besitzt.

Außerdem sieht sie die wichtige Rolle, die Crowdfunding bei der Bereitstellung von Kapital für kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) spielen kann. Im Jahr 2018 haben europäische Crowdfunding-Plattformen rund 2,2 Milliarden Euro Kapital für KMU bereitgestellt. Die Politik hat daher mit großer Offenheit und Unterstützung für die Branche reagiert. Sie spielt in den Plänen der EU-Kommission eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, den Zugang von KMU zu den Finanzmärkten weiter zu öffnen.

Die Crowdfunding- und Krypto-Branchen wiederum erhoffen sich neue Wachstumsimpulse durch die beschlossenen EU-Regulierungen. Der gemeinsame Nenner aller Panelisten war dieser: Digitale Finanzinstrumente – ob nun Crowdfunding oder Kryptowährungen – verlassen ihre Nische als alternative Finanzierungsformen und sind ein immer wichtigerer Bestandteil der Finanzierungslandschaft für kleine und mittelständische Unternehmen.

Über das European Crowdfunding Network

Die Non-Profit-Organisation European Crowdfunding Network (ECN) mit Sitz in Brüssel engagiert sich gemeinsam mit europäischen Plattformbetreibern für mehr Transparenz, gemeinsame Standards und ein grundsätzliches Verständnis für die Rolle des Crowdfundings als alternative Finanzierungsform und die Potentiale für die europäische Wirtschaft und Gesellschaft.

Darüber hinaus forciert das ECN die Europäische Harmonisierung des Crowdfunding Marktes mit dem European Crowdfunding Service Provider Regime (ECSP) als rechtlichen Rahmen. Im europaweiten Ausbau sehen alle Beteiligten sowie die Europäischen Institutionen großes Potenzial für die gesamte Branche. Dabei genießt die Organisation die Unterstützung durch die Europäische Kommission, die sie als Schlüsselbranche für die Verbesserung des Kapitalzugangs für KMU fördert.

Zum Autor

André Jasch

Head of Content
Innovestment
André Jasch ist Head of Content bei Innovestment. Im Jahr 2016 endeckte er seine Leidenschaft für Crowdfunding und begleitet die Entwicklungen der Branche seitdem intensiv.
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Autor
André Jasch
Datum
03. Februar 2021
Themen
Europa, Regulierung
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Geschäftsbeziehung Zwischen crowdfunding.de und Innovestment, SEEDRS, Exporo besteht eine Geschäftsbeziehung.
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