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Interview mit Jeannette Gusko

„Jede und jeder Einzelne wird mit einem Klick zur Mikro-Philanthrop*in“

GoFundMe ist die weltgrößte Spendenplattform. Seit 2017 gibt es die Plattform mit einem lokalen Team in Deutschland. Jeannette Gusko ist Gründungsgeschäftsführerin der DACH-Region bei GoFundMe. Im Interview mit crowdfunding.de berichtet Jeannette kurz vor Weihnachten über das Phänomen "Online-Spenden".
Von Redaktion am 04. Dezember 2019

Wieviel Geld konnte in den letzten 12 Monaten über GoFundMe für deutsche Projekte gesammelt werden? Nimmt das deutsche Spenden-Volumen auf Eurer Plattform zu?

Jeannette Gusko: Deutschland ist das großzügigste Spendenland Europas. 2019 haben die Deutschen über 10 Millionen Euro über GoFundMe gespendet, das ist im Vergleich zum Vorjahr ein über 40% höheres Spendenvolumen. 300.000 Menschen in Deutschland haben sich bereits mindestens einmal beteiligt.

Wie erklärst Du die Entwicklung, dass zunehmend online und direkt gespendet wird?

Online-Spenden sind unkompliziert, effektiv und helfen direkt. GoFundMe ist ein Werkzeug gegen Weltschmerz, zerstörerische Katastrophen und niederschmetternde Nachrichten. Ein Angebot, Ohnmacht und Passivität hinter sich zu lassen und die Dinge zu verändern. In manchen Situationen braucht es schlicht Geld, damit Menschen wieder auf die Beine kommen, eine Perspektive finden oder ihr Projekt umsetzen können. GoFundMe ist ein sozialer Dorfplatz: Hier treffen die, die sich konkret und wirksam in unserer Gesellschaft engagieren wollen, auf Menschen, die mutig neue Ideen umsetzen wollen oder selbst in Not geraten sind. Wer dringend Hilfe braucht, findet sie hier. Jede und jeder einzelne wird mit einem Klick zur Mikro-Philanthrop*in und während sie oder er andere unterstützt, wächst das Zusammengehörigkeitsgefühl aller – mit einer Spende, indem sie Kampagnen in ihren Netzwerken teilen und kommentieren oder an weiterführenden Aktionen teilnehmen. Apropos: Bei GoFundMe haben wir ein Trinkgeld-Modell statt Nutzungsgebühren. Wer bei GoFundMe spendet, dessen Spende erreicht mehr Wirkung.

Seht Ihr Euch im Wettbewerb zu etablierten Organisationen, die Spenden sammeln und für wohltätige Zwecke einsetzen, wie z.B. das Rote Kreuz oder Brot für die Welt?

Überhaupt nicht. Wir alle wollen die Welt zu einem besseren Ort machen. Da ist noch viel Luft nach oben beim Spender*innen-Engagement, bei mobilen Spenden oder bei neueren Entwicklungen, zum Beispiel der sinkenden Sportförderung. Da viele Menschen nicht die Unterstützung bekommen, die sie benötigen, ziehen wir alle an einem Strang. Wir haben zudem in den USA einen digitalen Werkzeugkasten für gemeinnützige Organisationen gelauncht, der sie bei der Spender*innenmobilisierung sowie bei Peer-to-Peer-Kampagnen einzelner Unterstützer*innen oder beim Verkauf von Tickets unterstützt. Diese kostenlose Infrastruktur und Kampagnenservices für Organisationen mit sozialer Wirkung bringen wir im 2020 nach Deutschland.

Eine direkte Finanzierung hat den Vorteil, dass Spendengelder ohne Umwege bei den Bedürftigen ankommen. Allerdings prüft auch keine Organisation die Projekte und kontrolliert die zweckmäßigen Verwendung der Spendengelder. In der Presse liest man immer wieder Schlagzeilen von Online-Spendenprojekten, bei denen Menschen getäuscht wurden und in betrügerischer Absicht Gelder eingesammelt wurde. Wie seht Ihr da Eure Rolle als Plattform?

Mit Betrug auf Spendenplattformen verhält es sich wie mit Überfällen auf eine Bank: Es ist theoretisch möglich, aber unter allen Banken wählen Räuber*innen GoFundMe als Letztes – denn wir sind am härtesten zu knacken. Wir erleben weniger als 0,01 % Betrugsversuche. GoFundMe unterzieht jede einzelne Kampagne einem Sicherheitscheck. Ein Drittel unseres Teams kümmert sich weltweit rund um die Uhr um alle Sicherheitsfragen, wir arbeiten mit international führender Software zur Mustererkennung. Unserer Schutz von Spenden ist extern besiegelt und durch die GoFundMe-Garantie abgesichert, sodass alle Spender-, Starter- und Empfänger*innen einer Kampagne durch eine Rückerstattungsrichtlinie geschützt sind.

Welche Art von Projekten überwiegen auf Eurer Plattform? In welchem Bereich werden die meisten Projekte finanziert?

Am meisten wird im deutschsprachigen Raum für Kampagnen gespendet, welche die Gesundheit betreffen – so zum Beispiel bei Verdienstausfall, seltenen Krankheiten oder damit Menschen nach einer Behandlung wieder in den Alltag zurück zu finden. Auf den weiteren Plätzen folgen Spenden für gemeinnützige Organisationen und Spendenaufrufe für den Tierschutz.

Bewegt sich eine Gesellschaft nicht in die falsche Richtung, wenn private Spendeninitiativen notwendig sind, um medizinische Behandlungen zu finanzieren. Sollte nicht der Staat eine gesundheitliche Grundversorgung organisieren?

Obwohl es in Deutschland das Prinzip der Daseinsfürsorge gibt, fallen Menschen durch die Maschen. Trotz weitreichender Gesundheitsversorgung und guter sozialer Infrastruktur gibt es finanzielle Bedarfe. Das zeigt sich an der stetig wachsenden Anzahl der Kampagnen in diesem Bereich. GoFundMe schließt Bedarfslücken, die Menschen ganz real in ihrem Leben spüren. Wo Regularien von Versicherungen oder Behörden finanzielle Unterstützung nicht sofort oder nur in einem bestimmten Umfang erlauben, wo Sportförderung, Bildungsangebote und Kultureinrichtungen zurückgehen oder Wünsche und gute Ideen keine klassische Finanzierung finden, schließt GoFundMe als zuverlässige gesellschaftliche Größe das Defizit.

Ist es gesellschaftlich nicht fragwürdig, wenn nur die Bedürftigen erfolgreich über das Internet Spenden einwerben können, die sich und ihr Leid besonders gut vermarkten können?

Den Wert einer Gesellschaft kann man auch daran messen, wie solidarisch sie ist und wie sie mit ihren angreifbarsten Mitgliedern umgeht. Bei GoFundMe kann jede*r eine Kampagne starten. Die meisten Kampagnen werden für andere ins Leben gerufen, d.h. jemand fühlt sich solidarisch und möchte helfen. Oft geht es um dringliche Fälle, aber auch um langfristige, strukturelle Anliegen, wie zum Beispiel um den Klimaschutz. Mich stimmt es zuversichtlich, wenn Communities zusammenkommen, um einander zu unterstützen.

Warum spenden die Menschen und unterstützen andere, ohne eine Gegenleistung für ihr Geld zu erhalten? Was motiviert die Menschen wirklich? Ist es wichtig es, dass andere sehen, dass man gespendet hat?

Es ist ganz einfach: Gutes tun tut gut und stärkt gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wir sind alle Menschen, die sich für unsere Liebsten stark machen, in verschiedenen Gemeinschaften, Vereinen und digitalen Gruppen organisiert sind und unsere Überzeugungen mit anderen teilen möchten. Menschen interessieren sich für Menschen und so spenden sie auch. Sie nehmen sich gern als Teil einer Solidargemeinschaft wahr. Spenden ist Ausdruck darüber wer ich bin, was mir wichtig ist. Es gibt ein wachsendes Bedürfnis, sich über die persönlichen Werte bewusst zu sein und das eigene Handeln in Einklang zu bringen. Und Geben gibt auch dem Geber Sicherheit, der weiß, auch er selbst ist nicht allein, wenn es schlecht läuft.

Aus Deiner umfangreichen Erfahrung aus unzähligen Kampagnen: was sind Deine wichtigsten Tipps für jemanden der eine Spendenaktion startet?

Teilen, teilen, teilen. Schreibe möglichst konkret, worum es dir persönlich geht, was deine Motivation ist, was auf dem Spiel steht. Mach ein persönliches Foto dazu. Spenden ist Vertrauenssache: Wenn die Spendenaktion läuft, halte deine Unterstützer*innen transparent und kontinuierlich auf dem Laufenden. Bitte andere um Hilfe, dein Anliegen in allen Netzwerken, die ihnen zur Verfügung stehen, zu teilen. Sei beharrlich und lass dich nicht entmutigen. Bei allen Tipps – zu jedem erfolgreichen GoFundMe gehört immer auch ein wenig Mut und Glück dazu.

Vielen Dank für das Interview!

Zur Person:
Jeannette Gusko ist Gründungsgeschäftsführerin der DACH-Region bei GoFundMe. Sie verantwortet das Campaigning, Produktentwicklung, Kooperationen und Personal. Das 6-köpfige Team sitzt in Berlin. Jeannette ist Expertin für Civic Tech, Digitalisierung für alle und soziale Bewegungen. Zuvor konzipierte sie globale Marken- und Policy-Strategien für Change.org. Jeannette ist Mit-Gründerin des Campaign Bootcamps Deutschland und der Initiative “Wir sind der Osten”.

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Autor
Redaktion
Datum
04. Dezember 2019
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