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Interview mit einem Crowdinvestor - Teil 4

„Jede einzelne Pleite löst ein Medienecho aus, das jedem Hurrikan den Rang abläuft.“

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Seit Mitte 2017 berichtet der Crowdinvestor Gerhardt von seinen Erfahrungen. In seinem vierten Interview mit crowdfunding.de gibt er einen Einblick in die Zwischenbilanz seines Crowdinvest-Portfolios. Und er vertritt seine Meinung zum aktuellen Stand von Crowdinvesting in Deutschland.
Von Redaktion am 22. Februar 2020

crowdfunding.de: Vor 3 Jahren haben wir das erste Interview zu Deinen Erfahrungen als Crowdinvestor geführt. Damals hattest Du in rund 80 Projekte investiert. Wie viele Investments sind es mittlerweile?

Gerhardt: Es sind einige mehr geworden, denn ich bin immer noch fleißig dabei. Momentan laufen 246 planmäßig und 27 mit Zahlungsverzögerungen. 121 Projekte sind vollständig zurückbezahlt und 2 habe ich als Totalverlust abgeschrieben.

Konntest Du die Totalverluste steuerlich geltend machen?

Ein Totalverlust tritt nicht von heute auf morgen ein. Am schnellsten geht es mit Nachrangdarlehen im Insolvenzfall. Die Plattformen informieren nur, du musst also selbst tätig werden und mit dem Insolvenzverwalter in Kontakt treten. Im ersten Fall wurde mir gleich bescheinigt, dass ich nichts zu erwarten hätte, im zweiten Fall wurde meine Forderung gar nicht zur Insolvenztabelle zugelassen. Beide Verluste wurden als solche vom Finanzamt anerkannt.

Bei meinen 27 Projekten mit Zahlungsverzögerungen sind auch schon einige Insolvenzen dabei (alle KMU-Bereich). Hier sind die Plattformen aktiv und versuchen mit Hilfe von Kanzleien das Beste herauszuholen. Leider muss man in diesen Fällen einen langen Atem haben, da sich Schuldner und deren Bürgen gerne aus der Verantwortung stehlen wollen. Einige Fälle verfolge ich nun schon über 1 ½ Jahre.

Wie gehst Du mit den Pleiten um? Hast Du mögliche Totalverluste im Vorfeld einkalkuliert oder hat es Dich kalt erwischt?

Mensch Michel, hast du meine vergangenen drei Interviews nicht gelesen? Sind meine erhobenen Zeigefinger im gleißenden Licht hoher Renditen ungehört verhallt?

Nein, ganz im Ernst: Es war nur eine Frage der Zeit bis zur ersten Hiobsbotschaft. Dass ich darauf vorbereitet war, hat die Sache nicht besser gemacht, aber dank umfassender Diversifikation hat sich der Schaden in engen Grenzen gehalten. Darum war die Rendite im Jahr der 2 Totalausfälle auch noch immer im positiven Bereich.

Ich frage deshalb, weil ich den Eindruck habe, dass viele Anleger zwar sagen, dass Sie sich der Risiken bewusst sind, aber dann doch sehr emotional und enttäuscht reagieren, wenn es tatsächlich zu einem Ausfall kommt und das Geld futsch ist.

Das sind die Leute, die bei der kleinsten Zinsverzögerung schon Betrug wittern und auf die Insolvenzeröffnung warten. Bei einem echten Ausfall würden sie am liebsten gleich Anzeige erstatten. Den Eindruck vermitteln sie zumindest in den Foren und den Projektkommentaren. Sorry, aber die haben nichts verstanden.

Verbraucherschützer kritisieren, dass beim Crowdinvesting oftmals unbedarfte Anleger in risikobehaftete Investments gelockt werden. Teilst Du die Kritik?

Das Thema hatten wir doch auch schon mal, oder? Sie geben einfach nicht auf, diese Schützer von was auch immer. Wenn du investierst, stolperst du x Mal über diesen Warnhinweis mit der Androhung von Totalverlust. Und jede einzelne Pleite- vor allem im Immobiliensektor – löst ein Medienecho aus das jedem Hurrikan den Rang abläuft. Welcher Anleger sollte da unbedarft geblieben sein?

In den Medien wird aktuell vermehrt über in Zahlungsverzug geratene Crowdinvesting-Projekte berichtet. Du meintest, dass Du auch davon betroffen bist. Gehört Zahlungsverzug für Dich „zum Geschäft“ oder bist Du von den Emittenten und Plattformen enttäuscht?

Jetzt bin ich um eine eindeutige Antwort verlegen. Ich habe, wie schon erwähnt, 27 Projekte mit Zahlungsverzögerungen im Portfolio. Es waren auch schon einige mehr, aber die haben sich wieder in Wohlgefallen aufgelöst. Das gehört zum Geschäft, denn in jeder Firma gibt es mal Höhen und mal Tiefen. Und so mache ich mir bei den meisten auch keine allzu großen Sorgen, denn verzögert heißt noch lange nicht ausgefallen.

Es gibt aber auch Fälle, in denen ich ernsthaft bei der Plattform nachfragen musste, ob überhaupt eine Prüfung der Emittenten stattgefunden hatte, ob es denn eine Reportingpflicht gebe und ob man sich überhaupt für die eingetretene Misere interessiere. Die Antwort war leider ernüchternd.

Was würdest du dir von der Crowdfunding-Branche wünschen?

Die Konkurrenz muss mörderisch sein. Es werden Millionen bei den Plattformen verbrannt, aber noch keiner ist der große Wurf gelungen. Klar, es sind ein paar Neuerungen dabei rausgekommen, wie z.B. Eigenkapitalbeteiligungen oder Digitale Anleihen, aber profitabel ist das noch bei keinem der großen Player.

Nun versucht man sich Exklusivität zu verleihen indem der kleine Anleger Mitglied in „Investment-Clubs“ wird und sozusagen auf Augenhöhe mit den Profis aus der Anonymität tritt. Es wird nicht mehr lange dauern und deine immer noch gültige Definition von Crowdinvesting wird Geschichte sein.

Darum wäre mein Wunsch, den ursprünglichen Crowdfunding-Gedanken wieder mehr zu leben.

Was verstehst Du unter dem ursprünglichen Crowdfunding-Gedanken?

Darf ich dich hier zitieren? In deiner Definition steht: „Viele Menschen investieren gemeinsam mit geringen Mindestanlagesummen online direkt in konkrete unternehmerische Vorhaben.“

Nach dem Motto „nur groß kann überleben“ werden die Projektsummen immer gigantischer und die Projekte selbst immer undurchsichtiger. Was an einem „Portfolio“ ist bitte konkret? Ist ja wie in einen Fonds investieren. Spätestens da ist für mich der Ursprungsgedanke verloren gegangen.

Aber es gibt sie noch, die „kleinen“ aber feinen Projekte.

Bezüglich Deiner Anmerkung zur Plattform-Profitabilität: Im VIB (Vermögensanlagen-Informationsblatt) kann man ja nachlesen, welche Kosten die Plattformen den Emittenten berechnen. Das sind häufig nochmal 4-6 Prozent der Funding-Summe, die nicht in Form von Zinsen an die Anleger weitergereicht werden. Das Geld wird für den Betrieb der Plattformen und für Werbemaßnahmen zur Anlegergewinnung verwendet werden. Findest Du die Kosten angemessen oder zu hoch?

Diese Frage muss wohl jedes Startup und jeder Emittent für sich entscheiden. Wenn es nur um die Kapitalbeschaffung geht, dann wäre es mir zu teuer. Wenn man durch die Kampagne bekannter werden und Kontakte knüpfen oder gar schon Kunden gewinnen will, dann fände ich es für angemessen, obwohl es natürlich keine Garantie gibt, dass diese Effekte auch wirklich eintreten.

Für die Betreiber der Plattformen scheint das bisher aber nicht zu reichen.

Anfang des Jahres konnte das deutsche Solarauto-Startup SONO öffentlichkeitswirksam rund 50 Millionen durch ein Crowdfunding einsammeln. Du hast Dich auch an dem Crowdfunding beteiligt? Was reizt Dich an dem Projekt?

Ich habe bereits 2017 die Reservierung für meinen Sion einbezahlt und mir damit einen Rabatt auf den Kaufpreis gesichert. 2018 habe ich mich über den Zweitmarkt auf Seedrs an Sono Motors beteiligt und Ende 2019 habe ich meine Reservierungsanzahlung aufgestockt. Einfach weil ich an dieses Projekt glaube. Während die etablierten Automobilhersteller immer noch mit SUV’s, Luxuskarossen und übermotorisierten Boliden Riesengewinne einfahren, leitet ein kleiner Neuling die Wende ein. Mit ungeahnter Unterstützung vieler anders Denkender – wie die 50 Millionen deutlich zeigen.

Wie ist Dein Crowdinvest-Ausblick auf das Jahr 2020? Wirst du weiter investieren? Und welche Deiner gesammelten Erfahrungen wirst Du bei zukünftigen Investments berücksichtigen?

Ich werde kein Clubmitglied bei niemanden und verzichte auf exklusive Infos über die neuesten Anlagemöglichkeiten. Ich will mich auch nicht mit erlesenen Investoren austauschen und vor allem nicht von ihnen beeinflussen lassen. Ich werde nicht in unübersichtliche Portfolios investieren, deren Renditeversprechen schon längst Teil einer Blase geworden sind.

Ich werde stattdessen mit Spaß und Freude weiter selbst in überschaubare, verständliche und konkrete Projekte investieren und dabei weiteren Plattformen den Rücken kehren.

Gewiss, mein Bauchgefühl ist auch nicht unfehlbar, aber wenn etwas schief geht, dann durch meine Entscheidung, die ich bewusst für mich selbst getroffen habe. Und wenn es prima läuft, dann ist es meine Rendite ganz allein, über die ich mich freue.

Vielen Dank für das Interview!

Anmerkung: Zwischen dem Crowdinvestor Gerhardt und der crowdfunding.de Redaktion besteht seit mehreren Jahren gelegentlicher Austausch per E-Mail und Telefon. Im Mai 2017 haben wir erstmals ein Interview geführt. Auf Wunsch von Gerhardt veröffentlichen wir das Interview nur mit seinem Vornamen.

Das Foto ist ein Symbolfoto / Fotocredit: Pexels

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Autor
Redaktion
Datum
22. Februar 2020
Themen
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