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Nachgefragt

Wieviel Transparenz braucht der Crowdinvesting-Markt?

Wenn Zins- oder Tilgungszahlungen nicht zu den versprochenen Zeitpunkten erfolgen, spricht man von Zahlungsverzug. Der offenen CROWDINVEST-Datenbank werden zunehmend Informationen zu Projekten mit Zahlungsverzug übermittelt. Jetzt stehen wir vor der Frage, inwieweit die Projektnamen veröffentlicht werden sollen. Wie weit sollte Transparenz gehen, um den Interessen der Anleger und Emittenten gerecht zu werden?
Von Redaktion am 07. Februar 2019

Unter www.crowdinvest.de dokumentieren wir den Anlagestatus aller deutschen Crowdinvestments seit 2011. Der Erfolgsmonitor misst die Leistungsfähigkeit der jungen Anlageklasse. Finanzierte, zurückgezahlte und ausgefallene Projekte werden offen einsehbar nachgehalten. Jeder kann Ergänzungen oder Korrekturen übermitteln. Dieses Crowd-Prinzip ermöglicht die bestmögliche Datenqualität. Seit Ende 2018 wurden der Datenbank vermehrt Informationen zu Projekten mit Zahlungsverzögerungen übermittelt. Da Zahlungsverzüge bislang nicht erfasst wurden, haben einige Leser kritisch angemerkt, dass der Erfolgsmonitor möglicherweise ein zu positives Bild von der Marktsituation zeichnet.

Aufgrund des Leser-Feedbacks haben wir im November 2018 das Dateneingabeformular um den Punkt „Zahlungsverzug“ erweitert. Über das Formular haben uns vielfältige Meldungen zu Projekten erreicht, die sich in drei Kategorien einteilen lassen.

1. Verlorenes Geld bei unseriösen Anbietern

Bereits 2016 haben wir darüber berichtet, dass es Anbieter gibt, die unter dem Schlagwort „Crowdfunding“ nach dem Schneeball-Prinzip Geld einsammeln (zum Artikel). Die Meldungen die wir bekommen haben, zeigen dass leider auch heute noch Menschen in diese Verbraucherfallen tappen. Wir zählen diese unseriösen Anbieter nicht zum Crowdfunding-Markt und damit nicht zum Themenkomplex „Zahlungsverzug“. Mehr Informationen zu Schneeballsystemen gibt es bei der Verbraucherzentrale (zum Info-Beitrag).

2. Verspätung, aber kein Zahlungsverzug

Bei diesen Projekten wurde der ursprünglich beworbene Rückzahlungstermin durch den Emittenten verschoben. Die Rückflüsse liegen zeitlich aber immer noch innerhalb des Rückzahlungsfensters, welches vertraglich festgeschrieben wurde. Verschiebungen dieser Art wurden von einem Teil der Anleger als Verzögerung wahrgenommen. Hier kann man von unglücklicher Kommunikation sprechen, ein Zahlungsverzug liegt unserer Ansicht nach aber nicht vor. Die betroffene Plattform hat die Rückzahlungsmodalität in den neuen Darlehensverträgen bereits Mitte 2018 aktualisiert, es gibt jetzt dort feste Rückzahlungstermine, zu denen die Darlehen zurückgeführt werden können.

3. Projekte mit Zahlungsverzug

Zu 15 Projekten mit einem gesamten Crowdinvest-Volumen von 5,6 Millionen Euro wurden Informationen bezüglich verspäteter Zins- oder Tilgungszahlungen übermittelt (Stand 05.02.2019). Zu zwei dieser Projekte gab es breite mediale Berichterstattung. Über die anderen 13 Projekte wurde unseres Wissens bislang noch nicht öffentlich berichtet.

Reaktionen der Plattformen

Wir haben die Plattformen, zu denen Infos zu Projekten im Zahlungsverzug vorliegen, kontaktiert und gefragt, ob die Informationen stimmen und ob aus ihrer Sicht etwas gegen eine Veröffentlichung spricht. Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich ausgefallen: Von „gute Initiative“ über „könnt Ihr gerne veröffentlichen“ bis zu „kein Kommentar“ und „auf garkeinen Fall veröffentlichen“. Es wurde deutlich, dass das Thema Zahlungsverzug nicht nur die Anleger, sondern auch die Plattformen bewegt. Gegen die Veröffentlichung der Projektnamen wurden zwei Hauptargumente geäußert:

Transparenz kann Unternehmern und Anlegern schaden

„Es hilft niemandem, jede Zinsverzögerung sofort „an die große Glocke“ zu hängen. Die daraus resultierende Verunsicherung und schlechte Presse kann die weitere Unternehmensentwicklung zusätzlich erschweren, was für Unternehmen und Kapitalgeber nachteilig ist.“

Rechtliche Unsicherheit

„Wenn vertrauliche Informationen aus der Kommunikation zwischen Darlehensnehmer und Crowdinvestoren weitergegeben und öffentlich gemacht werden, verstößt dies möglicherweise gegen die vertraglichen Vereinbarungen. Wenn diese Informationen veröffentlicht werden, begibt sich CROWDINVEST.DE als herausgebendes Portal auf rechtliches Glatteis.“

Unser vorläufiges Vorgehen

Unter Abwägung der Argumente und mit dem Ziel, ein realistisches Lagebild zu ermöglichen, haben wir uns, entgegen unserer anfänglichen Intention, dafür entschieden, die Projekte vorerst nur „anonym“ aufzuzeigen und eine Gesamtsumme auszuweisen. Das Aufzeigen der Gesamtsummen ermöglicht einen realistischen Performance-Überblick der Crowdinvest-Segmente. Um den Unternehmen mit Zahlungsverzug bei der weiteren Geschäftsentwicklung nicht zu schaden, werden die Namen nicht öffentlich benannt (außer wenn diese der Öffentlichkeit durch die Medienberichterstattung schon bekannt sind).

Wir fragen uns aber weiterhin: Wieviel Transparenz braucht der Crowdinvesting-Markt beim Zahlungsverzug?

  • Wird eine anonyme Veröffentlichung den Interessen von Emittenten und Anlegern gerecht?
  • Wird so das Vertrauen in den Crowdinvestment-Markt gestärkt?
  • Trägt die Vorgehensweise zur nachhaltigen Entwicklung des Marktes bei?

Meinungsbild von Anlegern und Plattformen

Um ein Meinungsbild zu bekommen, haben wir alle Plattformen (auch die, die nicht von Zahlungsverzug betroffen sind) und 111 Anleger, die schonmal Input zur offenen Datenbank gegeben haben, angeschrieben und um eine Einschätzung gebeten. In den Rückmeldungen zeigt sich, dass die Meinungen sowohl bei den Anlegern, als auch bei den Plattformen auseinandergehen.

Ihre Meinung
Was meinen Sie? Wie weit soll Transparenz Ihrer Ansicht nach gehen?

Anmerkungen
Die CROWDINVEST-Datenbank wurde 2016 aus der Überzeugung gestartet, dass Crowdinvesting konsequente Transparenz benötigt, um sich erfolgreich als alternative Investmentklasse zu etablieren. Es geht keinesfalls darum, Plattformen beziehungsweise Emittenten an den Pranger zu stellen oder der Branche zu schaden. Im Gegenteil: Transparenz ist unserer Ansicht nach die Voraussetzung, um das Vertrauen der Öffentlichkeit für Crowdinvestments zu gewinnen und zu halten. Wir sind der Überzeugung, dass Anleger den offenen Umgang mit „Problemfällen“ schätzen und dass sich eine proaktive Vorgehensweise für alle langfristig orientierten Marktteilnehmer auszahlt. Nur ein unverfälschter Blick schafft bei Anlegern realistische Erwartungshaltungen. Nur durch eine aktive Auseinandersetzung mit möglichen Schwachstellen in den Investmentverträgen, können diese im Interesse aller Beteiligten kontinuierlich verbessert werden.

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Autor
Redaktion
Datum
07. Februar 2019
Themen
Transparenz

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