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Wissenschaftlerin im Interview

Narzissten haben weniger Erfolg beim Crowdfunding

Narzissmus kann einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne im Weg stehen. Dies ist das Ergebnis einer neuen Studie der Wissenschaftler Vincenzo Butticèa (Politecnico di Milano School of Management) und Paola Rovelli (Freie Universität Bozen). Im Interview berichtet Paola Rovelli (PhD) über die Erkenntnisse.
Von Redaktion am 25. Mai 2020

crowdfunding.de: Was kennzeichnet eine narzisstische Persönlichkeit?

Paola Rovelli: Narzissmus besteht in dem Ausmaß, in dem eine Person übertriebene Selbstherrlichkeit, eine kontinuierliche Beschäftigung mit Macht und Erfolg, ein Bedürfnis nach Autorität, Konkurrenzdenken, oberflächliche emotionale Bindungen, Eitelkeit, Neid auf andere, manipulatives Verhalten und ein charmantes Auftreten, das oft Bösartigkeit und wenig Empathie maskiert, an den Tag legt.

Dennoch gibt es zwei Seiten des Narzissmus: eine helle und eine dunkle Seite. Die positive Seite des Narzissmus beinhaltet Eigenschaften wie Empathie, Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl sowie die Fähigkeit, zu den eigenen Werten zu stehen und andere zu inspirieren. Die negative Seite umfasst Wut, Amoralität, Arroganz, Irrationalität, mangelndes Einfühlungsvermögen, Paranoia und das Bedürfnis nach Anerkennung und Überlegenheit.

Wie haben Sie in Ihrer Forschungsarbeit herausgefunden, ob eine Crowdfunding-Kampagne von einer narzisstischen Persönlichkeit gestartet wurde?

Um narzisstische Persönlichkeiten zu identifizieren sind wir der wissenschaftlichen Literatur gefolgt. Wir haben Inhaltsanalysen der Beschreibungstexte von 59.538 Kampagnen durchgeführt, die in den Jahren 2016 und 2017 bei Kickstarter gestartet wurden. Bei der Analyse dieser Texte haben wir die narzisstischen Persönlichkeitsmerkmale der Projektstarter anhand der Verwendung von Personalpronomen gemessen. Dabei haben wir das Verhältnis berechnet, in dem Pronomen der „1. Person Singular“ zu Pronomen der „1. Person Singular und Plural“ verwendet wurden.

Und wie ist das Ergebnis? Sind Narzissten erfolgreicher beim Crowdfunding?

Nein. Unsere Analyse zeigt, dass narzisstische Unternehmer weniger wahrscheinlich beim Vorverkauf-Crowdfunding (reward-based) erfolgreich sind. Das Ergebnis hängt jedoch vom Kontext ab, in dem der Projektstarter seine bzw. die Projektstarterin ihre Crowdfunding-Kampagne durchführt. Insbesondere bei Kampagnen in Branchen wie Kunst, Design, Film und Theater ist die negative Korrelation zwischen Narzissmus und Erfolg stärker, während sie in Branchen wie Comics, Musik und Verlagswesen schwächer ist.

Wie erklären Sie sich das?

Es ist wahrscheinlich, dass Unterstützer die narzisstische Persönlichkeit von Projektstartern negativ bewerten. Während sich eine solche Persönlichkeit in gewisser Weise mit den Erwartungen an Unternehmer überschneidet (z. B. kreativ, charismatisch, stark und eigenständig zu sein), sind narzisstische Personen auch arrogant, aggressiv, instabil, weniger kompetent, weniger ehrlich, abstoßend, nicht vertrauenswürdig und zeigen ein hohes Gefühl von Anspruch und Überlegenheit. Unterstützer gewichten diese Eigenschaften wahrscheinlich stärker, vertrauen narzisstischen Unternehmern weniger und finanzieren ihre Crowdfunding-Kampagnen somit in geringerem Maße.

Dennoch, in einigen Fällen wird Narzissmus mehr bestraft als in anderen. Unterstützer strafen narzisstische Projektstarter stärker ab, wenn sie in Bereichen tätig sind, in denen der Wert des Produkts sozial konstruiert ist und eng mit dem Schöpfer verbunden ist (z. B. der Regisseur eines Films oder der Künstlers eines Porträts). Im Gegensatz achten die Unterstützer in Branchen, in denen der Produktwert in erster Linie mit der Produktfunktionalität zusammenhängt (z. B. dem Inhalt eines Comics), weniger auf den Projektstarter – sondern mehr auf den Inhalt und die Merkmale der Kampagne – und der negative Einfluss des Narzissmus wird reduziert oder verschwindet sogar. Dieses Ergebnis steht im Einklang mit der Ansicht, dass die Crowd in einigen unternehmerischen Bereichen den Wert eines Projekts hauptsächlich mit dem Projektstarter in Verbindung bringt, während dieser in anderen Kontexten eine weniger herausragende Rolle spielt.

Wie lautet Ihre Empfehlung für Menschen, die eine Crowdfunding-Kampagne starten wollen?

Personen, die eine Crowdfunding-Kampagne starten, sollten besonders auf die Weise achten, mit der sie ihre Ideen ausdrücken und ihre Kampagne beschreiben. Das gilt vor allem für Kampagnen bei denen das Projekte in engem Zusammenhang mit dem Schöpfer steht. Ihre Persönlichkeit wird für potenzielle Unterstützer durch die Beschreibung der Crowdfunding-Kampagne deutlich sichtbar und dies könnte sie bestrafen. Da es für narzisstische Personen schwer ist sich selbst als Narzissten zu erkennen und ihre Handlungsweise zu ändern, sollten Projektstarter bei den Plattformen oder spezialisierten Beratern um Hilfe und Unterstützung bitten.

Wie sieht es aus beim Crowdinvesting? Glauben Sie, dass Narzissmus bei Projektstartern eine andere Rolle spielt, wenn die Menschen eine finanzielle
Gegenleistung für ihr Geld erwarten?

Mit Blick auf narzisstische Eigenschaften und Crowdinvesting erwarte ich den gleichen negativen Effekt von Narzissmus auf die Wahrscheinlichkeit einer Finanzierung. Narzisstische Individuen zeichnen sich durch Irrationalität, sich ständig ändernde Strategien, extreme Praktiken, Entscheidungen mit hohem Risiko, betrügerisches Verhalten und volatile Leistung aus. In einem Kontext, in dem langfristige Beziehungen, größere Geldsummen und eine finanzielle Rendite eine Rolle spielt, ist es es wichtig, dass die Investoren die Projektstarter als vertrauenswürdig wahrnehmen. Die oben genannten Merkmale narzisstischer Individuen weisen jedoch in die genau entgegengesetzte Richtung, und ich erwarte daher, dass Investoren diese beim Crowdinvesting noch stärker abstrafen.

Vielen Dank für das Interview!

Zur Person
Paola Rovelli hat an der Politecnico di Milano School of Management ihre akademische Laufbahn begonnen und arbeitet jetzt im Centre for Family Business Management der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften an der unibz. Sie forscht zu den Themen Organisationsmanagement mit Fokus auf das Top-Management vor allem in Familienunternehmen, Unternehmertum, Delegation von Entscheidungskompetenzen, Narzissmus und Geschlechterfragen.

Zur Veröffentlichung
“Fund me, I am fabulous!” Do narcissistic entrepreneurs succeed or fail in crowdfunding? von Vincenzo Butticèa und Paola Rovellib (2020) | mehr Infos

Titelfoto: unibz/Erlacher

Hinweis: Das Interview wurde in englischer Sprache geführt und dann übersetzt

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Autor
Redaktion
Datum
25. Mai 2020
Themen
Finanzierung, Tipps, Wissenschaft
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